
Die Pop-Chronik neigt dazu, Solo-Alben von kreativen Köpfen bedeutsamer Bands mit einem kleinen Malus zu belasten und sie den Werken ihrer Stammformationen hintanzustellen. Bei "Former Lives", dem ersten Solo-Longplayer des Death-Cab-For-Cutie-Oberhaupts Ben Gibbard, muss man sich nicht erst bemühen, die Geschichte und ihre Perzeption zurechtzurücken, denn sie stellt sich von sich aus ins zweite Glied.
Eine "größere Erzählung", wie das Gibbard nennt, ein Konzept oder ähnlich ambitiöse Ziele verfolgt er nämlich damit erst gar nicht: "Ich habe diese Songs irgendwann aufgenommen und aus dem einen oder anderen Grund passten sie nicht auf Death Cab-Platten. Ich mochte sie aber und wollte ihnen eine Heimat geben. Dass ich sie singe und spiele, verschafft ihnen schon von sich aus eine gewisse Zusammengehörigkeit. Und wenn jemand mein Singwriting mag, findet er gewiss Dinge, um an der Platte Freude zu haben."
Ins Telefon singen
Tatsächlich ist "Former Lives" nicht unbedingt eine große, aber eine sehr sympathische Platte, die einem mit ihrer Bescheidenheit, der nichts Einfältiges anhaftet, ihrer Vielseitigkeit und Gibbards eindringlicher Stimme ans Herz wachsen kann.
Sie beginnt mit einem bezaubernden Acapella-Lied, "Shepherds Bush Lullaby", in welchem Gibbard, nachmittags im Regen herumwandernd, seiner Liebsten über den Ozean hinweg einen Gute-Nacht-Gruß (Zeitverschiebung!) singt.
"Ich war wirklich in Shepherd Bush in London, und die Idee kam mir plötzlich. Dank der Wunder der Technologie konnte ich sie gleich mitten auf der Straße in mein Telefon aufnehmen. Das Gute an London ist, dass man dort überhaupt keine Notiz nimmt von Sonderlingen, die ins Telefon singen. Vor ein paar Jahren habe ich in London ein Video gedreht, in dem ich mit Hut und aufgespanntem Schirm in der U-Bahn fuhr. Keiner hat mich angeschaut. Jedenfalls dachte ich, es sei eine interessante Idee, mit diesem kleinen Stück, das eigentlich gar kein richtiger Song ist, das Album zu eröffnen, gerade weil es in keiner Weise repräsentativ dafür ist."
Einige der Songs auf "Former Lives" bewegen sich, wenig überraschend, sehr im Fahrwasser von Death Cab For Cutie, "Teardrop Windows" etwa, oder das besonders schöne "Bigger Than Love", ein gewaltiges, gleichermaßen melodie-, spannungs- wie variantenreiches Stück Gitarrenpop, das Gibbard im Duett mit der Folk-Sängerin Aimee Mann singt.
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