• vom 27.12.2013, 14:00 Uhr

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  • Die "music"-Mitarbeiter der "Wiener Zeitung" besprechen Pop-, Rock- und Soul-Alben des
  • Jahres 2013, die zu Unrecht überhört wurden.

Ein Schotte, der weder mit musikalischen Reizen noch mit kritischer Reflexionskraft geizt: Steve Mason.

Ein Schotte, der weder mit musikalischen Reizen noch mit kritischer Reflexionskraft geizt: Steve Mason.© Kevin Morosky Ein Schotte, der weder mit musikalischen Reizen noch mit kritischer Reflexionskraft geizt: Steve Mason.© Kevin Morosky

Zsófia Boros performt schlicht, exakt und solo auf der Akustikgitarre und zieht die Zuhörerschaft durch ihre Bescheidenheit in ihren Bann. Ihr musikalisches Spektrum reicht von jazzigen Tracks bis zu klassischen Stücken. Technisch wartet sie mit einer individuellen Zupf-, Schlag- und Grifftechnik auf.

Existenzialistisch wie der Titel ihres Albums "En Otra Parte" (Ecm/Universal) muten die lyrischen Elemente des Albums auf der "anderen Seite" des Lebens an. Die musikalischen Quellen liefert die derzeitige Weltelite auf sechs oder zwölf Saiten: Ralph Towner und Quique Sinesi stammen zwar vom selben Kontinent, aber aus ganz unterschiedlichen, wenn auch gebirgigen Regionen - Towner aus Oregon, Sinesi aus der argentinischen Andengegend, deren Seele ("Alma") er nur zu gut kennt. Mit Kompositionen der beiden Gitarristen und nachdenklich-verspielten Tracks lässt Zsófia Boros in kalten Winternächten aufhorchen. Wohltuende Abwechslung von seichter Kaufhaus-Jingle-Beschallung - und ein virtuoses Album, das für beschauliche Stimmung sorgt. (Gerhard Strejcek)


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Sieben Songs reichen dieser Band, um auf 59 Spielminuten zu kommen - und jede einzelne davon hat es in sich. Auf "Sunba- ther" (Deathwish/Indigo) mischen Deafheaven aus dem sonnigen San Francisco todesdunkle Black-Metal-Überreste, die sich im als guttural bis besessen zu beschreibenden Gekreische ihres Sängers George Clarke veräußern, mit lyrischen Post-Rock-Elementen und verwaschenen Shoegazing-Gitarren. Dichte Walls-Of-Sound, die stets harmonische Schönheit verströmen, treffen auf Doublebassdrum-Attacken des nicht nur in dieser Hinsicht Schwerarbeit leistenden Schlagzeugers Daniel Tracy. Die Wirkungsmacht der Ergebnisse wird per Dynamik noch einmal erhöht: Hochgeschwindigkeits-Stakkato geht in Passagen fernab von Raum und Zeit über, ohrsturzlaute Momente münden in depressionsleise Motive.

In den atmosphärischen Zwischenspielen begegnet man Wanderpredigern und Gitarren, die wie Bohrmaschinen klingen. Lyrics gibt es auch, allerdings versteht man von diesen kein Wort. Ein gewaltiges Album. Eine Wucht. (Andreas Rauschal)

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Girls in Hawaii, das sind sechs Herren aus Belgien, die seit dem Jahr 2000 zusammen musizieren und 2005 ihr Debüt "From Here to There" veröffentlichten. Angeführt von Antoine Wielemans und Lionel Vancauwenberghe (beide Gesang und Gitarre), pflegen sie einen luftigen, durchaus etwas verschrobenen Pop, der Folkelemente mit dem französischen Beatpop der 1960er Jahre vereint. Die schon immer bittersüßen Songs sind auf dem neuen, dritten Album noch ein ganzes Stück nachdenklicher geworden.

Nicht ohne Grund: 2010 verunglückte Schlagzeuger Denis Wielemans bei einem Autounfall tödlich. "Everest" (Naïve/Indigo) ist nun fast so etwas wie ein Album in memoriam geworden. Schon der Opener beschwört den "bitter taste" des Frühlings, und auch in den folgenden zehn Songs ist viel vom Tod und vom Verschwinden die Rede. Und doch: In die Trauer mischt sich immer wieder neuer Lebensmut ("We Are The Living", "Not Dead"), und es entstehen zarte Popgebilde, die im wahrsten Sinne des Wortes zu Herzen gehen. (Andreas Wirthensohn)

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Das im Frühjahr erschienene zweite Soloalbum von Steve Mason, dem ehemaligen Mastermind der Beta Band, "Monkey Minds In The Devil’s Time" (Domino/GoodToGo), ist eine mit 20 Nummern prall gefüllte Wundertüte. Enthalten sind darin neun Songs und elf "Zwischenspiele", bestehend aus Gesprächs- und Nachrichtenfetzen, kurzen Instrumentals und Songschnipsel. Das mutige Konzeptalbum, das die wenig verheißungsvolle Lage gegenwärtiger politischer Mentalitäten thematisiert (und unseren Affenhirnen in diesen teuflischen Zeiten wenig zutraut), wartet mit einem schillernden Stilmix aus Folk, Gospel, Rap, Dub und feinster Popware auf, wie etwa die Singleauskopplung "Oh My Lord" mit ihren unverkennbaren Beatles-Anklängen zeigt.

"Fight Them Back" ist wiederum ein kämpferischer Funk-Song, der zum Gebrauch des Baseballschlägers aufruft. Zusammengehalten werden alle Disparitäten und Brüche von Masons durchgängig hoher, einnehmender Gesangsstimme und seinem famosen handwerklichen Können, womit der zur Depression neigende Schotte in keiner der 59 Minuten dieses üppigen Werkes geizt. (Gerald Schmickl)

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Zwei Dinge sind suboptimal an "Big Wheel And Others" (Domino/GoodToGo): Erstens, dass es sich dabei um ein Doppelalbum handelt - was nicht wegen des Repertoires ein Problem wäre, das für Cass McCombs’ Verhältnisse mittlerer bis guter Durchschnitt und damit noch immer besser als 89 Prozent vom Rest ist, sondern vielmehr wegen möglicher Schwellenwirkung: Bei einem, der zuletzt zwei Platten in einem Jahr gemacht hat, mutet das wie ein Signal eines schon beängstigenden kreativen Überschusses an. Und zweitens: Ja, das altkluge Kindergebrabbel, das drei der vier LP-Seiten einleitet, hätte nicht unbedingt sein müssen.

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Dokument erstellt am 2013-12-23 19:50:05



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