• vom 29.01.2010, 11:54 Uhr

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Update: 29.01.2010, 11:56 Uhr

Pop-CD

Hot Chip: One Life Stand




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Von Andreas Rauschal

  • Mit angezogener Handbremse
  • Die britischen Genre-Hopper Hot Chip und ihr durchwachsenes viertes Album, "One Life Stand".

Musikalische Eintopf-Köche: Hot Chip (mit Sänger Alexis Taylor in der Mitte).Foto: Bevis Martin & Charlie Youle/EMI

Musikalische Eintopf-Köche: Hot Chip (mit Sänger Alexis Taylor in der Mitte).Foto: Bevis Martin & Charlie Youle/EMI

Musikalische Eintopf-Köche: Hot Chip (mit Sänger Alexis Taylor in der Mitte).Foto: Bevis Martin & Charlie Youle/EMI

Musikalische Eintopf-Köche: Hot Chip (mit Sänger Alexis Taylor in der Mitte).Foto: Bevis Martin & Charlie Youle/EMI Musikalische Eintopf-Köche: Hot Chip (mit Sänger Alexis Taylor in der Mitte).Foto: Bevis Martin & Charlie Youle/EMI

Wodurch sich das erste Popjahrzehnt im dritten Jahrtausend auch auszeichnete, wurde zuletzt vor wenigen Wochen in Erinnerung gerufen. Im Rahmen zahlloser Rückblicke auf eine Dekade ohne Namen ging es vordergründig um die Überwindung von Dogmen und Genre-Grenzen zugunsten lustvoller Brückenschläge. Eklektizistische Aufläufe und Stil-Karambolagen, bunt geschnürte Genre-Sträuße und Form-Mixturen bestimmten das Geschehen. TV On The Radio aus Brookyln, New York, eine der Bands unserer Zeit, exerzierten es vor: Soul und Rock´n´Roll, Industrial und New Wave dürfen, können und sollen sich in einem Song mit Doo-Wop-Gesängen und Free-Jazz-Einsprengseln vermengen. Alles mit allem. Alle für alles. Anything goes!


Auf die Spitze getrieben wurde dieser Ansatz der interdisziplinären Grenzlandforschung von Hot Chip. Das seit dem Jahr 2000 aktive Quintett rund um Leadsänger Alexis Taylor und dem hinter seinem Keyboard sportlich schulterzuckenden Tanzbären Joe Goddard betrachtete Pop schon immer als unbegrenzte Spielwiese der Möglichkeiten. Auf Alben wie "The Warning" (2006) oder zuletzt "Made In The Dark" (2008) perfektionierte die in London ansässige Band ihren unnachahmlichen Eintopf aus närrischer Frickel-Elektronik, Indie-Rock, Soul, Funk, HipHop, Techno, House und großen Pop-Momenten als nimmersatte Referenzschau.

Dass Hot Chip, über die kein Journalist je schrieb, ohne sie als "Nerds" zu bezeichnen, trotz alledem nicht bemüht "sophisticated" klingen, ist eine ihrer Stärken. Als eine weitere muss man ihre Live-Qualitäten ins Spiel bringen. Immerhin setzt die Band ihre zumeist von reichlich Unterhaltungselektronik bestimmten Songs im Konzert tatsächlich live um - in dieser Konsequenz eine Seltenheit im Fach. Mit der aus dem Prinzip des DJ-Sets entliehenen Idee des fließenden Übergangs werden außerdem ganz nebenbei auch noch die Konventionen klassischer Pop-Konzerte sanft ausgehebelt. Dass für die kommende Tournee (noch) kein Österreichtermin bekannt gegeben wurde, ist in dieser Hinsicht mehr als bitter.

Allerdings ist es mit dem neuen Album, so eine Sache. Schließlich muss einer der Songtitel als durchaus programmatisch für die bereits vierte Studioarbeit bezeichnet werden. Er lautet "Keep Quiet" und wurde, so Joe Goddard gegenüber der Pop-Postille "NME", von einem Auftritt des britischen TV-Phänomens Susan Boyle inspiriert.

Die zehn neuen Stücke auf dem wie seine kluge Vorab-Single "One Life Stand" betitelten Werk bleiben tatsächlich eher ruhig - und kommen meist mit angezogener Handbremse daher, so sie nicht, wie in der hatscherten Soul- bzw. Gospelballade "Slush", überhaupt stecken bleiben.

Zugunsten einer generell glatter als gewohnt ausgefallenen Arbeit wird auf spinnerte Sounds weitestgehend verzichtet - sieht man vom eingangs etwas garstig in Richtung Eurodance schielenden "We Have Love" einmal ab. Auch bei den Gitarren wurde der Rotstift angesetzt, dafür hören wir neben vorsichtig eingesetzten Bläsern erstmals auch echte Streicher, die greinend auf die Tränendrüse drücken ("Hand Me Down Your Love").

Davor, dazwischen und danach plätschern Nummern wie "Alley Cats" oder die Männerfreundschaftshymne "Brothers" schön, aber auch ganz schön unspektakulär vor sich hin.

Hot Chip demonstrieren ihre neu entflammte Liebe für House-Beats und arbeiten, wie zuletzt schon für ihre Coverversion des Joy-Division-Klassikers "Transmission", unter besonderer Berücksichtigung hawaiianischer Steel-Drums. Dazu lässt es der legendäre MicroKorg - Qualität zum kleinen Preis! - surren und blubbern. Mit dessen integriertem Vocoder erlaubt sich Goddard nicht nur einmal einen Schmäh - wogegen Alexis Taylors glockenhelles Timbre wie ein Geschenk des Himmels erscheint. Zärtlicher als er haucht niemand Zeilen wie "I only wanna be your one life stand / Tell me do you stand by your man?" .

Mit dem Elektropop von "Thieves In The Night" gelingt der Band übrigens ein grandioser Einstieg, an dessen Grandezza diesmal aber nur die hymnisch-melodieselige Schlussnummer "Take It In" heranreicht.

Hot Chip: One Life Stand. (Parlaphone / EMI)




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2010-01-29 11:54:49
Letzte Änderung am 2010-01-29 11:56:00



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