• vom 27.06.2014, 19:34 Uhr

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Nelson, Willie: Band Of Brothers




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Von Bernhard Torsch

  • Outlaw on the road again
  • Mit "Band Of Brothers" veröffentlicht US-Country-Ikone Willie Nelson ein neues Album, das erstmals seit langem wieder großteils Eigenkompositionen enthält.

Durch und durch amerikanisch - und mit einem großen Herz für Minderheiten: der 81-jährige Country-Star Willie Nelson.

Durch und durch amerikanisch - und mit einem großen Herz für Minderheiten: der 81-jährige Country-Star Willie Nelson.© Foto: David McClister Durch und durch amerikanisch - und mit einem großen Herz für Minderheiten: der 81-jährige Country-Star Willie Nelson.© Foto: David McClister

"We’re a band of brothers and sisters and whatever, on a mission to break all the rules", singt Willie Nelson im Titelstück seiner neuen Platte und zeigt sich damit nicht nur auf der Höhe einer Zeit, die langsam auch andere sexuelle Identitäten als nur "boy" und "girl" zu akzeptieren lernt, sondern auch als unbeirrbarer Rebell, den das Leben zwar weise, aber nicht brav gemacht hat.

Auch mit 81 Lebensjahren am Buckel gibt es noch Regeln, die zu brechen sich anbieten, sei es die im Country weit verbreitete Homophobie oder die verlogene Freundlichkeit im zwischenmenschlichen Umgang.


Country für Hippies
"Du bist wie Masern und Keuchhusten", setzt der Sänger eine Verflossene im Lied "I Thought I Left You" daher recht brutal mit Krankheiten gleich, nur um kurz danach eine andere "Ex" anzuflehen: "Send Me A Picture". Ex-Frauen spielen auf diesem Album, das erstmals seit über 20 Jahren wieder zu einem guten Teil aus Eigenkompositionen besteht, überhaupt eine große Rolle. So etwa auch im beschwingten "Wives And Girlfriends", wo Willie beteuert, alle Frauen seines Lebens geliebt zu haben, dabei aber hofft, dass diese sich niemals über den Weg laufen mögen, um über ihn zu lästern.

Produktion und Sound der Platte lassen sich als "zeitlos" beschreiben. Sie klingt modern, könnte so ähnlich aber auch aus den 70er Jahren stammen. Nach dem Tod von Johnny Cash und Waylon Jennings ist Willie Nelson der letzte große Vertreter der ersten Generation des Outlaw-Country, der entstanden war, als sich einige Künstler gegen den reaktionären Mainstream in Nashville stellten, um diese Musik für die Arbeiterklasse zurückzuerobern und sie auch den Hippies zugänglich zu machen.

Obwohl Nelson immer offen gegenüber Neuem war, kann er es sich auf der aktuellen Platte doch nicht verkneifen, der jungen Generation (also allen unter 80) auszurichten, dass deren Musik zwar "Country" heiße, aber nicht mehr so klinge ("Hard To Be An Outlaw"). Das mag Alters-Larmoyanz sein, aber wenn das einer darf, dann Willie, der 1956 seine erste Platte aufgenommen hat und den echten Durchbruch erst in den 70ern schaffte.

Der Mann hat richtig geschuftet, ist Jahrzehnte durch schlecht beleumundete Etablissements getingelt und hat dabei alles erlebt, was die Straße einem Musiker bieten und zumuten kann. So einer kann dem Jungvolk auch einmal sagen, dass es besser noch ein paar Jahre lang die Schulbank des Lebens drücken sollte. Das wirkt nicht peinlich, sondern wahrhaftig.

Geboren 1933, mitten in der Großen Depression, schmiss Willie Anfang der 50er Jahre ein Agrarwirtschaftsstudium hin, da er lieber Musiker werden wollte. Vergessen aber hat er seine Herkunft nie, was sich nicht nur in den rund 2500 von ihm komponierten Songs, sondern auch in seinem lebenslangen Engagement für die Verlierer des amerikanischen Traums äußert. Ob Kriegsveteranen, wegrationalisierte Fabriksarbeiterinnen, von den Banken bedrängte Kleinbauern oder die Opfer des "War On Drugs" - Nelson war zur Stelle, wenn Benefizkonzerte gegeben oder Spenden gesammelt wurden.

Homo-Ehe & Cannabis
Gemeinsam mit Neil Young rief Nelson das Festival "Farm Aid" ins Leben, unterstützte Politiker der Demokratischen Partei und machte sich gegen den Irak-Krieg stark. Schon früh setzte er sich für die Homosexuellen-Ehe ein. Obwohl das kontroverse Positionen sind, wird Nelson in den USA wie kaum ein anderer Musiker quer durch alle Parteien und Gesellschaftsschichten verehrt. Wenn sein Superhit "On The Road Again" ertönt, singt jeder mit, ob Republikaner oder Demokrat, ob reich oder arm, ob links oder rechts. Willie Nelson ist durch und durch amerikanisch.

Ein besonderes Anliegen war und ist ihm freilich die Legalisierung von Cannabis. Wenn er einst tot sei, solle man seine sterblichen Überreste als Joint rauchen, verfügte er im Song "Roll Me Up And Smoke Me When I Die" - und kaum jemand bezweifelt, dass im Körper des Mannes, der sogar beim Empfang im Weißen Haus nicht vom Marihuana lassen wollte, genügend THC vorhanden ist, um high zu machen . . .

Willie Nelson: Band Of Brothers. (Legacy/Sony)




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2014-06-27 12:38:06
Letzte ─nderung am 2014-06-27 12:51:00



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