• vom 04.07.2014, 12:22 Uhr

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Update: 04.07.2014, 12:40 Uhr

Pop-CD

Cabaret Voltaire: #7885 Electropunk To Technopop




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Von Uwe Schütte

  • Industrielle Volksmusik
  • Mit "#7885 Electropunk To Technopop" erscheint eine mustergültige Kompilation der Sheffielder Electro-Pioniere Cabaret Voltaire auf Mute Records.

Avantgarde, Schritt für Schritt mit Pop angereichert: Eine neue Zusammenstellung erklärt die Entwicklungslinien des einstigen Trios Cabaret Voltaire aus Sheffield auf mustergültige Weise.

Avantgarde, Schritt für Schritt mit Pop angereichert: Eine neue Zusammenstellung erklärt die Entwicklungslinien des einstigen Trios Cabaret Voltaire aus Sheffield auf mustergültige Weise.© Mute Avantgarde, Schritt für Schritt mit Pop angereichert: Eine neue Zusammenstellung erklärt die Entwicklungslinien des einstigen Trios Cabaret Voltaire aus Sheffield auf mustergültige Weise.© Mute

Manchmal kann man ja nur den Kopf darüber schütteln, zu welch erbärmlichen Tiefen die gebeutelte Plattenindustrie sich herablässt, um denen, die noch nicht auf kostenlose Downloads oder kostengünstiges Streaming umgestiegen sind, olle Kamellen in leicht veränderter Verpackung zum zweiten, dritten oder vierten Mal anzudrehen. Danke, ich brauche weder von Simon & Garfunkel noch von den Rolling Stones ir-gendeinen Remaster oder eine neue Zusammenstellung ihrer unvergänglichsten Hits.

Doch auch das Gegenteil gibt es: Man freut sich, wenn Bands, die es tatsächlich verdienen, gehört zu werden, durch frisch aufgelegte Kompilationen nicht aus unserem Gesichts- und Hörfeld verschwinden. Die Sheffielder Electro-Pioniere Cabaret Voltaire etwa sind so ein Fall. Ihnen war zwar schon zu Lebzeiten viel kritisches Lob erteilt, aber auch wenig kommerzieller Erfolg zuteil geworden.


Veritable Schatzkiste
Ihr Label Mute kümmert sich in rührender Weise darum, dass die Musik der Gruppe, die im Laufe der Zeit vom Trio zum aus Richard H. Kirk und Stephen Mallinder bestehenden Duo schmolz und seit dem 1994 erfolgten Ausstieg von Letzterem von Kirk offiziell fortgeführt wird, nicht der Vergessenheit anheimfällt. Bereits kurz nach der Jahrtausendwende gab es eine richtiggehende Welle von Zusammenstellungen, die Altes und Unveröffentlichtes wieder zugänglich machten.

Insgesamt war das eine veritable Schatzkiste, die genug Hörmaterial für eine Dekade lieferte. Letztes Jahr ging es dann mit einem 3-CD-Boxset mit formidablen Liveversionen sowie einer remasterten Werkretrospektive samt Erstveröffentlichungen auf 6 CDs plus 2 DVDs wieder los. Und ein Ende ist nicht abzusehen: Wem das zu viel war, für den gibt es nun eine CD mit den Highlights aus der künstlerisch erfolgreichsten Phase in den Jahren 1978 bis 1985 als Erinnerung daran, welch bahnbrechenden Weg die nordenglischen Avantgardisten vom Electropunk zum Technopop gingen.

Machen wir also die Probe aufs Exempel: Kaum erklingen die ersten hallenden Akkorde des Openers "Do The Mussolini (Headsick)" samt der nervig fiependen Synthie-Line, fragt die sichtlich enervierte Mithörerschaft, ob man diese Art von Musik denn unbedingt so laut hören müsse. "Selbstverständlich", lautet die Retourkutsche, "aus beruflichen wie ästhetischen Gründen." Und man dreht per Fernbedienung die Lautstärke noch ein bisserl höher, um endlich ungestört im Hörraum zu sitzen.

Dann der nächste Track, "The Set Up", über dessen repetitiven Beat eine zwischen Dämon und Roboter oszillierende Stimme Unverständliches spricht, das wie eine psychotische Einflüsterung oder eine futurisch-faschistische Indoktrination klingt. Mit "Nag Nag Nag" wiederum folgt gleich an dritter Stelle ein unbedingter Klassiker: Auch nach einem Vierteljahrhundert enthält dieses konzentrierte Meisterwerk genug statische Energie, um bei jedem neuen Anhören wieder Funken zu schlagen.

Es klingt primitiv, treibend, verzerrt, minimalistisch. Wir hören dumpfes Getrommel und ohrenbetäubendes Synthie-Gepfeife, Sci-Fi-Film-Geräusche und schamanische Soundkulissen - und somit eine schlichtweg unerhörte Verschmelzung von atavistischer Triebkraft und avantgardistischer Kunst.

Zeitlose Musik
Die radikale Bewegung des Dada, nach dessen Züricher Geburtsort und Stammlokal sich die Sheffielder Gruppe benannte, war ja auch - wie es sich für die wahre Avantgarde gehört - nur von kurzer Dauer. Entsprechend schlugen auch Cabaret Voltaire nach den konfrontativen Anfängen bald eine Richtung ein, die das Avantgardistische Schritt für Schritt mit dem Poppigen anreicherte, sodass eine in jeder Hinsicht faszinierende und zeitlose Musik entstand: Man höre etwa "Just Fascination", "Crackdown" oder "Sensoria" wieder. Diese Tracks verdeutlichen noch immer, was Ralf Hütter von Kraftwerk meinte, als er Cabaret Voltaire als "Brüder der industriellen Volksmusik" bezeichnete. Die programmatisch "#7885 Electropunk To Technopop" betitelte Zusammenstellung erlaubt es mustergültig, diese faszinierende Entwicklungslinie nachzuprüfen.

Cabaret Voltaire: #7885 Electropunk To Technopop. (Mute)




Schlagwörter

Pop-CD, Extra, Rezension, Musikkritik

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2014-07-04 12:26:09
Letzte ─nderung am 2014-07-04 12:40:02



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