• vom 14.07.2014, 06:00 Uhr

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Update: 23.07.2014, 12:13 Uhr

Pop-CD

Wilder, Anand & Kardon, Maxwell: Break Line




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Von Bruno Jaschke

  • Arbeitskonflikt mit Theaterdonner
  • Anand Wilder, bekannt als Mitglied der US-Band Yeasayer, realisiert mit dem Pianisten Maxwell Kardon ein Musical im Geiste der Rock-Opern der 1970er Jahre.

Joint Venture in Sachen Rock-Oper: Yeasayer-Mann Anand Wilder (l.) und Pianist Maxwell Kardon. - © Mute

Joint Venture in Sachen Rock-Oper: Yeasayer-Mann Anand Wilder (l.) und Pianist Maxwell Kardon. © Mute

Rein optisch wirkt Anand Wilder bei Yeasayer ein wenig unscheinbar. Auf der Bühne zentrieren der quirlige Chris Keating und auch der hünenhafte Bassist Ira Wolf Tuton die Aufmerksamkeit. Der kleine, zierliche Wilder steht mit seiner Gitarre und einigen Keyboards meistens am rechten Rand, und er ginge vermutlich ziemlich unter, würden nicht zahlreiche Gesangseinsätze seine exponierte Stellung innerhalb der psychedelischen New Yorker Ausnahmeformation belegen.Wilder teilt sich mit Keating nicht nur die Gesangsparts, sondern auch die Kompositionsarbeit. Eine Reihe erstklassiger Pop-Stücke wie "O.N.E.", "Blue Paper", "Madder Red" oder "Strange Reunions" entspringt seiner Feder.

Große Gefühle
Bereits seit 2004, noch bevor er bei Yeasayer eingestiegen ist, verfolgt Anand Wilder mit dem Pianisten Maxwell Kardon das Projekt eines Musicals im Geiste der Rock-Opern der 1970er Jahre. Ausgebrütet wurde es, einer viel zitierten Legende nach, im Spätherbst auf einer Veranda in Pennsylvania. Nachdem man sich auf Banjos und Gitarren die Kälte aus den Fingern gespielt hatte, geriet man in den Sog einer Geschichte über einen Arbeitskonflikt, wie sie in alten Quäker-Folk-Songs erzählt wurde.


Daraus entwickelten Wilder und Kardon ein Szenario, das in der fiktiven Kleinstadt Greenbelt spielt, in der sich Arbeiter in einer Kohlemine gegen deren ausbeuterische Besitzer auflehnen und am Ende in großer Anzahl von einer Platane baumeln, unter der in besseren Zeiten Hochzeitsgäste getanzt und gefeiert haben. Nebenher geht es um große Gefühle und nicht ganz so große Handlungen; um Liebe, Unbeugsamkeit, um Terror und Verrat.

Das Werk ging nicht den üblichen Weg visionärer Hirngespinste, also via Direttissima ins Nirwana, sondern es wurde tatsächlich über all die Jahre hinweg weiterverfolgt. Und kaum ist eine Dekade vergangen, wird es einer staunenden Öffentlichkeit auch schon unter dem Titel "Break Line" präsentiert.

Zum Kernteam, welches das Album eingespielt hat, gehören neben Kardon und Wilder dessen Band-Kollege Ira Wolf Tuton am Bass und Christopher Powell von der Gruppe Man Man an den Drums. Spezifischere Unterstützung leisteten u.a. James Richardson, Live-Gitarrist bei MGMT, Jason Trammell (Sinkane, Jaytram) und Rostam Batmanglij von Vampire Weekend, der auch beim ersten Solo-Album des (Ex-)Walkman-Sängers Hamilton Leithauser erst vor kurzem nachhaltig in Erscheinung getreten ist.

Entbehrliche Mittel
Anders als bei den frühen sogenannten Rock-Opern aus den 60er Jahren wie "S.F. Sorrow" von den Pretty Things, "Arthur" von den Kinks oder "Tommy" von The Who, wo (fast) jede Rolle von ein und derselben Person gesungen wurde, gelangen hier viele Stimmen zum Einsatz. Sie kommen - um den Yeasayer-Stamm zu komplettieren - von Chris Keating und, neben anderen, auch von Haley Dekle von den Dirty Projectors, Aku Orraca-Tetteh (Dragons of Zynth), Quinn Walker und Austin Fisher (Suckers) sowie natürlich von Anand Wilder selbst.

Wilder und Kardon machen also ernst in Sachen Rock-Oper. Das ist die Stärke und das Problem der Platte zugleich, weil es auf der einen Seite vermittelt, dass hier eine Geschichte erzählt wird, und auf der anderen Seite durchaus entbehrlich anmutende Mittel zum Einsatz kommen - die indes zu solchen ambitiösen Projekten zu gehören scheinen.

Ein Beispiel ist das Stück "Opportunity", in dem Keating einen Rattenfänger gibt und Leute aufwiegelt: Die Heavy-Gitarre signalisiert den Jetzt-kommt’s-Moment, und der Chor im Finale als Echo der Singstimme zeigt, dass der Verführer bereits Erfolg hat - das ist dramaturgisch sehr schlüssig, ergibt aber nicht wirklich einen guten Song.

Die Stärken dieser Oper liegen in den einfacheren, in schönen Folk-Arrangements realisierten Teilen: Man höre etwa das verbitterte "They’re Stealing Our Coal" oder die von Haley Dekle intonierte Moritat "Hold You Tight". Freilich sind das nur Momente des Innehaltens vor der dramatischen Zuspitzung, wo dann im wahrsten Wortsinn der ganze (Musik-)Theaterdonner auffährt.

Anand Wilder & Maxwell Kardon: Break Line (Mute)




Schlagwörter

Pop-CD, Extra, Music, Rezension, Musikkritik

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2014-07-11 13:53:04
Letzte ─nderung am 2014-07-23 12:13:05



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