• vom 19.07.2014, 13:00 Uhr

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Seegers, Doug: Going Down To The River




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Von Bernhard Torsch

  • Ein seltener Glücksfall
  • Vom Obdachlosen zum Country-Star: Die Geschichte des Straßenmusikers Doug Seegers rund um sein Debütalbum im Alter von 62 Jahren ist ein amerikanisch-schwedisches Märchen.

Altersweisheit und kreativer Verwirklichungsdrang: Das späte Debüt von Doug Seegers ist eine fast unglaubliche Geschichte.

Altersweisheit und kreativer Verwirklichungsdrang: Das späte Debüt von Doug Seegers ist eine fast unglaubliche Geschichte.© Foto: Gregg Roth Altersweisheit und kreativer Verwirklichungsdrang: Das späte Debüt von Doug Seegers ist eine fast unglaubliche Geschichte.© Foto: Gregg Roth

Die alte Journalistenweisheit, wonach vor allem schlechte Nachrichten gute wären, gilt in Zeiten der sozialen Medien nicht mehr, und ganze Internetportale haben sich auf die Verbreitung von gezuckerten "Good news" spezialisiert. Man kennt das, und die Überschriften lauten meist so: "Schau dir diese Katze genau an, du wirst nicht glauben, was als nächstes passiert . . ."

Das soll uns in Zeiten von Krise, Krieg und Terror gute Laune bereiten. Manchmal aber gibt es auch vom Leben geschriebene "Good news", die es tatsächlich wert sind, gedruckt zu werden, vor allem wenn am Ende eine Platte wie "Going Down To The River" von Doug Seegers steht - das vielleicht beste Country-Album des Jahres, und sicher das beste "Newcomer"-Werk, wobei der Newcomer 62 Jahre alt ist und bis zu seiner Entdeckung auf der Straße gelebt hat.


"Arbeitslos, alles hilft"
Vor zwei Jahren postete der Musiker Aaron Espe ein Video auf Facebook, das einen älteren Herren in abgerissener Kleidung zeigte, der auf einer zerschundenen Gitarre recht leidenschaftlich einen Song begleitete, der von alten Sünden und trotziger Hoffnung handelte. Das Video war ein Flop und hatte exakt null "Likes".

Das änderte sich, als die schwedische Sängerin Jill Johnson mit einem Kamerateam nach Nash-ville reiste, um Eindrücke aus der Welthauptstadt des Country für ihre Fernsehshow zu sammeln. Zufällig stießen Johnson und ihr Team auf einen Straßenmusiker, der in seinem auf Spenden wartenden Gitarrenkoffer ein Schildchen aufgestellt hatte: "Arbeitslos, alles hilft".

Der grauhaarige Mann spielte den Schweden einen Song vor und konnte es kaum fassen, als dieses unerwartete Publikum völlig begeistert war. "Das ist besser als Geld", murmelte er verlegen, als man ihm zu dem tollen Lied gratulierte. Nachdem der Film über Johnsons Nashville-Reise im schwedischen Fernsehen gelaufen war, füllte sich plötzlich die Mailbox des Senders. "Wer ist dieser Mann"?; "Ich liebe diese Stimme"; "Der Song trifft mich mitten ins Herz".

Bald war den Machern der Sendung klar, dass sie auf eine Sensation gestoßen waren: Schweden verliebte sich in einen amerikanischen Straßenmusiker.

Anfang der 70er Jahre war der New Yorker Doug Seegers nach Nashville gezogen, um dort mit seinen Idolen Gram Parsons und Emmylou Harris zu singen. Daraus wurde nichts, was vor allem an Seegers Hang zum Schnaps lag, der seine an sich schon stark ausgeprägte Antriebslosigkeit ex-trem verschlimmerte. Seegers landete auf der Straße, lebte wortwörtlich unter den Brücken Nashvilles und ernährte sich mühsam von den Einnahmen als Straßenmusikant in einer Stadt, in der es vor hoffnungsvollen neuen Talenten wimmelt wie sonst kaum wo auf der Erde.

Betörende Ballade
Er wäre unentdeckt und unbekannt gestorben, wären da nicht die Schweden gewesen, die das Label Universal Music beknieten, Dougs Song "Going Down To The River" als Single zu veröffentlichen. Das Lied schoss an die Spitze der schwedischen Charts - und nun wurden auch die Amerikaner hellhörig. Man trommelte exzellente Studiomusiker und Produzenten zusammen und ließ Seegers ein ganzes Album aufnehmen; und als sich abzeichnete, wie gut dieses werden würde, holte man sogar Emmylou Harris ins Studio, die auf dem Song "She", einer betörenden Ballade, die zweite Stimme singt.

Nachdem das Album zunächst in Schweden erschien und dort sogleich Goldstatus erreichte, flog Seegers zum ersten Mal in seinem Leben mit einem Flugzeug und wurde im Norden Europas wie ein Superstar gefeiert. Unterdessen wurde die wunderbare Platte auch in den USA entdeckt und Doug Seegers bereits für gemeinsame Konzerte mit Stars wie Neil Young gebucht.

Verdient hat er das, denn sein Album klingt trotz des Alters des Musikers unerhört frisch. Es ist eine eigenwillige Mischung aus welterfahrener Abgeklärtheit und dem Hunger nach kreativer Verwirklichung. Ein seltener Glücksfall, in dem die Weisheit des Alters auf den Drang des Neueinsteigers trifft.

Doug Seegers: Going Down To The River. (Lionheart Music Group / Universal)




Schlagwörter

Music, Doug Seegers, Pop-CD, Extra

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2014-07-17 16:20:05
Letzte ─nderung am 2014-07-18 14:49:48



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