• vom 27.07.2014, 18:00 Uhr

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Update: 25.11.2014, 09:25 Uhr

Pop-CD

Petty, Tom And The Heartbreakers: Hypnotic Eye




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Von Bruno Jaschke

  • Mit geballter Faust
  • Mit "Hypnotic Eye" erscheint das erste Album von Tom Petty And The Heartbreakers seit vier Jahren. Die Band klingt darauf ruppig wie nie zuvor.

Ein konsequenter High-Energy-Auftritt: Tom Petty, 63, meldet sich mit neuem Album zurück. - © Foto: Sam Jones

Ein konsequenter High-Energy-Auftritt: Tom Petty, 63, meldet sich mit neuem Album zurück. © Foto: Sam Jones

Von den ersten Momenten an, als er - um 1976/77 - in der Rock-Szene auftauchte und schnell Furore machte, war etwas schwer Fassbares an Tom Petty. Sein mit psychedelischem 60er-Jahre-Pop und mal mehr, mal weniger stark dosierten Spurenelementen von Country und Folk angereicherter Power Rock war zu offensichtlich vergangenheitsgeerdet, um ernsthaft als New Wave durchzugehen. Andererseits fehlte es Petty stets entscheiden an Unverbindlichkeit, als dass er wirklich in das Classic-Rock-Segment gepasst hätte, in dem er dann eher notdürftig verortet wurde (und wird).

Trotz rund 80 Millionen Platten, die er mit seiner Begleitband The Heartbreakers verkauft hat, und ein paar weiteren Millionen Kopien, die er von seinen drei Solo-Alben unter die Leute brachte, genießt der lang(mähnig)e Blonde - in den USA mehr als hierzulande - auch Sympathien bei der Indie-Klientel. Dieser Mann lässt einen Impetus hinter seiner Musik spüren. Selbst Allerweltsphrasen wie "What goes up must come down" scheinen sich hier wundersam mit Bedeutung aufzuladen.


Relativ unauffällig hat sich Tom Petty über die Jahre immer stärker dem zugewandt, was sein Superstar-Kollege Bruce Spring-steen einst den "Runaway American Dream" nannte. Aber anders als Springsteen, der in der Tradi- tion alter Folk-Sänger wie Woody Guthrie oder auch Johnny Cash meist konkrete Geschichten aus konkret benannten Außenseiter-Milieus erzählt und so eine relativ starke soziale Komponente einbringt, belässt es der 1950 in Florida geborene und heute in Kalifornien lebende Petty meist eher beim Ausdruck eines diffusen Unbehagens. Dessen analytischer Ergründung zieht er die fortwährende Bewegung "Into The Great Wide Open" vor: So heißt einer seiner Hits (von 1991), in dem als Protagonist ein "rebel without a clue" auftritt. Weitere Songtitel im Zeichen der Mobilität: "Refugee", "Dog On The Run", "Runnin’ Down A Dream", "Time To Move On" und, "Night Driver".

Wenn Dinge allerdings sehr arg werden, nennt auch Petty Defizite beim Namen und erhebt, wie etwa auf der LP "The Last DJ", anklagend den Zeigefinger gegen korrumpierte Stars oder geldgierige Plattenfirmen-Bosse und ihre willfährigen Handlanger.

Auf "Hypnotic Eye", dem bereits 13. Album, das er mit den Heartbreakers eingespielt hat und das nun wieder mit dem Gitarristen Mike Campbell produziert wurde, zieht Petty abermals zu Felde: gegen Leute, die dringend ein Ausnüchterungsprogramm von ihrem Machtrausch bräuchten, gegen den Verfall des Mittelstands und gegen die katholische Kirche mit ihren Missbrauchs-Affären. Im Opener "American Dream Plan B" wiederum fordert ein Mann mit geballter Faust die Versprechen ein, die der amerikanische Traum eben nicht gehalten hat: Der Rest von Mythengläubigkeit, den noch Pettys letztes, als eine Art akustisches Roadmovie angelegtes Solo-Album "Highway Companion" (2006) vermittelte, ist hier aufgebraucht - es ist die Stunde der Abrechnung.

Petty, der sich im letzten und vielschichtigsten Song des Albums, "Shadow People", als politisch weder rechts noch links stehend deklariert, wählt dafür ein Klangbild von so von ihm noch nie gehörter Ruppigkeit. Er bleibt zwar in den 60er Jahren, orientiert sich diesmal aber eher an den frühen "You Really Got Me"-Kinks als an den Byrds oder Buffalo Springfield. Nur wenige Stilmittel interpunktieren diesen konsequenten High-Energy-Auftritt: eine schöne Sitar-Einlage Mike Campbells in "Red River" oder relativ harsche Intensitätsverschiebungen im bereits genannten "Shadow People".

Was diesmal ein wenig auf der Strecke geblieben ist, ist die für den späteren Petty charakteristische Subtilität und Sensibilität. In den zwei langsameren Stücken kann man sie immerhin heraushören. Bezeichnenderweise sind es Liebeslieder. Mit seiner markant näselnden Stimme transportiert Petty dabei den ihm eigenen, leicht abseitigen und dabei schüchternen Humor: "I love you more than the sins of my youth".

Tom Petty And The Heartbreakers: Hypnotic Eye. (Warner)




Schlagwörter

Pop-CD, Extra, Music, Musikkritik, Rezension

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2014-07-25 13:35:05
Letzte Änderung am 2014-11-25 09:25:00



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