• vom 14.08.2014, 15:01 Uhr

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Update: 14.08.2014, 15:33 Uhr

Pop-CD

O’Connor, Sinéad: I’m Not Bossy, I’m The Boss




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Von Andreas Wirthensohn

  • Pop von der Stange
  • Mit ihrem neuen Album unterstützt Sinéad O’Connor die an junge Frauen gerichtete "Ban Bossy"-Kampagne. Die Songs selbst enttäuschen weitgehend.

Aktuell skandalfrei und somit wegen ihres neuen Albums in den Medien: Sinéad O’Connor. - © Foto: Donal Moloney

Aktuell skandalfrei und somit wegen ihres neuen Albums in den Medien: Sinéad O’Connor. © Foto: Donal Moloney

Zuletzt hat Sinéad O’Connor wieder einmal mit außermusikalischen Initiativen von sich reden gemacht. Im Herbst letzten Jahres etwa veröffentlichte sie einen offenen Brief an Miley Cyrus und warnte diese davor, sich um des Erfolgs willen für die Musikindustrie zu prostituieren. Hintergrund war das Video zu Cyrus’ Song "Wrecking Ball": Darin schaukelt die blonde Sängerin nackt auf einer Abrissbirne durch die Kulisse und lässt ihre Zunge lasziv über einen Vorschlaghammer gleiten.

Diese ausnehmend dämliche Selbstdarstellung fanden offenbar nicht nur halbnackte Bauarbeiter wahnsinnig aufregend, sondern auch Millionen anderer Menschen - denn "Wrecking Ball" entwickelte sich in den USA zum Number-One-Hit und schaffte es in Österreich immerhin auf Platz 2 der Charts. Der durchaus eingängige Song hätte es zwar auch ohne nackte Haut vermutlich weit gebracht, aber wenn man ein wenig nachhelfen kann, warum nicht? So "tickt" die Branche nun einmal, und wer wüsste das besser als Sinéad O’Connor selbst?


Bald 30 Jahre ist die Irin jetzt im Musikgeschäft, und in dieser Zeit hat sie uns nicht nur mit mittlerweile zehn Studioalben versorgt, sondern auch mit jeder Menge Gesprächsstoff: über ihre inzwischen vier Ehen, von denen die kürzeste gerade einmal 16 Tage hielt; über ihre sexuellen Vorlieben und ihre seelischen Probleme; über ihren vehementen Kampf gegen die katholische Kirche - bei "Saturday Night Live" zerriss sie einst bekanntlich ein Foto von Papst Johannes Paul II. - und über ihr Theologiestudium; über ihre Selbstmordversuche und ihre Tätowierungen (zu denen nicht zuletzt ein Jesus-Bild auf ihrer Brust zählt).

Man konnte über die Jahre fast den Eindruck gewinnen, als wären die nicht-musikalischen Botschaften wichtiger als die Alben und Songs. Bezeichnenderweise fallen einem noch immer die frühen Erfolge ein, "Mandinka" etwa, "Three Babies" und natürlich "Nothing Compares 2 U", wenn man den Namen Sinéad O’Connor hört. Und eben die größeren und kleineren Skandälchen.

Daran wird vermutlich auch das neue Album nichts ändern. "The Vishnu Room" sollte es ursprünglich heißen, aber dann entdeckte O’Connor die Kampagne "Ban Bossy" und entschied sich, deren Slogan ("I’m Not Bossy, I’m The Boss") zum Albumtitel zu adeln. Diese Initiative, die von Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg ins Leben gerufen wurde und unter anderen von Beyoncé unterstützt wird, will Mädchen dazu animieren, Führungsaufgaben zu übernehmen.

Zu diesem Zweck soll das Wort "bossy", das man am besten als "herrschsüchtig" übersetzen kann und das gerne im Zusammenhang mit "dominanten" Frauen verwendet wird (Männer dagegen attestiert man "Führungsqualitäten"), aus dem Sprachgebrauch verbannt werden. Das schwer an die 80er Jahre erinnernde Albumcover jedenfalls zeigt O’Connor in Chef-Attitüde und inniger Umarmung mit einer Gitarre.

Die eher unguten Erwartungen, die dieser Anblick weckt, scheinen sich vier Songs lang zu bestätigen. Kurz ertappt man sich bei der Frage, ob Andrea Berg oder Helene Fischer wohl so klingen würden, wenn sie Englisch sängen. Textlich würde es ganz gut passen: Ausgiebig ist von romantischer Liebe und Sex die Rede, aber im Zweifel schmusen die weiblichen Song-Ichs lieber mit dem Kissen oder der Jacke des Angeschmachteten.

Musikalisch präsentiert uns der weibliche "Boss" hier belanglosen Pop von der Stange. Mit "The Vishnu Room" gewinnt das Album dann allerdings deutlich an Qualität, O’Connors noch immer beeindruckende Stimme drängt sich stärker in den Vordergrund und wird emotionaler: "Harbour", das funkige "James Brown" (mit Fela Kutis Sohn Seun am Saxofon) und "8 Good Reasons" zeigen die Sängerin von ihrer besseren Seite.

Doch mit "Take Me To The Church" ist man dann wieder in den Niederungen des Allerweltpop angelangt. Bezeichnend dafür ist auch das abschließende "Streetcars": Früher hätte O’Connor aus diesem karg instrumentierten Stück einen Gänsehaut-Song gemacht. Jetzt plätschert das Ganze viereinhalb Minuten dahin, und wenn es vorüber ist, spürt man - nichts.

Sinéad O’Connor: I’m Not Bossy, I’m The Boss. (Nettwerk/Soulfood)


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2014-08-14 15:05:04
Letzte nderung am 2014-08-14 15:33:18



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