• vom 06.09.2014, 11:00 Uhr

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Interpol: El Pintor




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Von Bruno Jaschke

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  • Zum Trio geschrumpft, erinnert die New Yorker Band Interpol auf ihrem mittlerweile fünften Album "El Pintor" an ihr Erstlingswerk "Turn On The Bright Lights".

Ein strikt definierter Kosmos, der um seinen eigenen Schwerpunkt kreist: Interpol mit Frontmann Paul Banks in der Mitte.

Ein strikt definierter Kosmos, der um seinen eigenen Schwerpunkt kreist: Interpol mit Frontmann Paul Banks in der Mitte.© Foto: PIAS Ein strikt definierter Kosmos, der um seinen eigenen Schwerpunkt kreist: Interpol mit Frontmann Paul Banks in der Mitte.© Foto: PIAS

Es beginnt langsam - mit diesem latent tragischen Unterton, den Paul Banks beherrscht wie nur wenige andere Sänger. Es geht ja auch um Misskommunikation zwischen Liebenden (die vielleicht in diesen Momenten zu ehemaligen Liebenden werden). Doch unvermittelt beschleunigt das Ding dann auf High Speed zu einem Proto-Punk-Kracher mit rüden "Hey! Hey! Hey!"-Backgroundchören.

"All The Rage Back Home", wie der Opener von Interpols neuem Longplayer "El Pintor" passenderweise betitelt ist, subsumiert sohin in knapp viereinhalb Minuten, womit die New Yorker Nachfahren britischer Weltschmerz-Ästheten wie Joy Division oder Echo & The Bunnymen vor mehr als zehn Jahren auf ihrem Debüt-Album "Turn On The Bright Lights" reüssiert haben: mit einer soundarchitektonisch von kratzigen Gitarren auf kompakter Rhythmus-Basis dominierten Mischung aus getragenen, fast elegischen Balladen und druckvollem Uptempo-Rock.


Der Maler
Tatsächlich ist "El Pintor" (spanisch für "Der Maler" und zugleich ein Anagramm auf den Bandnamen) eine Art Zurück-zum-Start-Projekt. Immerhin hat der sound- und stilprägende Bassist Carlos Dengler das seinerzeitige Quartett vor vier Jahren verlassen. Und als Dreier, erzählt Sänger und Gitarrist Paul Banks in einem Interview mit dem "Rolling Stone", sei man beim Schreiben und Aufnehmen vor den gleichen Herausforderungen gestanden wie damals beim Debüt: Sich und der Welt etwa beweisen zu müssen, dass man eine funktionierende Einheit ist.

Keine Frage, der Beweis ist hiermit erbracht. Interpol funktioniert wie geschmiert. Denglers Bass wurde von Frontmann Banks selbst übernommen; praktischerweise half ihm dieser Wechsel alsgleich, eine Schreibblockade zu überwinden. Das wiederum war insofern ein Segen, als das Repertoire - neben den dualen, über die Jahre etwas raffinierter und versatiler gewordenen Gitarrenläufen von Banks und Daniel Kessler - der größte Aktivposten von "El Pintor" ist. Obwohl die ganz, ganz großen Songs wie "Evil" oder "Rest My Chemistry" fehlen, ist dieses fünfte Interpol-Album, auf einen Schnitt heruntergebrochen, das kompositorisch vermutlich stärkste. Unter den zehn Songs gibt es keinen einzigen schwachen - dem Schlussstück "Twice As Hard" im Vergleich zum Rest ein wenig Fadesse anzulasten, wäre schon ein Luxus, denn weniger begabte Bands könnten damit auch gut leben.

Und trotzdem: Es ist ein wenig schade, dass Interpol die Pfade des überspannt-sinisteren, unbetitelten, noch mit Dengler aufgenommenen Vorgängers von 2010 so umstandslos wieder verlassen haben. Denn dieses Werk, das mit orchestralen Arrangements auffuhr und im finalen Teil drei Songs zu einer Suite aufdonnerte, hatte Mut und taumelte herzerwärmend zwischen Größenwahn und Grandezza.

Leider ist es bei Fans wie bei der Kritik und auch den Akteuren selbst nicht als obskures Meisterwerk oder wenigstens Scheitern in großem Stil verbucht, sondern als eine Art Betriebsunfall. Und alle sind froh, zur Normalität zurückkehren zu können.

Man kann das natürlich auch so sehen: Interpol sind ein offensichtlich recht strikt definierter Kosmos. Was sich organisch nicht mit diesem verträgt, muss seinen Platz außerhalb bzw. auf Solo-Projekten wie Banks’ eklektischem Album "Julian Plenti Is ... Skyscraper" behaupten.

Bild für Bild
Interpol-Musik kreist gewissermaßen um den eigenen Schwerpunkt - auf "El Pintor" im Kontext des "klassischen" Kanons (der nach dem Debüt aus den Alben "Antics" von 2004 und "Our Love To Admire" von 2007 besteht) vielleicht mit noch bedachterer Dramaturgie und schärferen Identitätsverschiebungen. Banks’ Inhalte sind wie gehabt selten eindeutig zu entschlüsseln. Aber Stück für Stück, Bild für Bild, Metapher für Metapher kombinieren sie sich zu einem zähen Ringen mit einer nicht unbedingt als freundlich begriffenen Umwelt. Und wo die Kräfte für Widerstand nicht ausreichen, bleibt nur die Flucht. Im eigenartigen Text zu "My Blue Supreme" etwa sucht der Protagonist auf einer Autofahrt Befreiung von sich selbst: "There’s someone that I’m dying to be / But nothing ever comes for free / Cruising in my blue Supreme . . ."

Interpol: El Pintor. (PIAS)




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2014-09-04 19:08:07
Letzte ─nderung am 2014-09-05 14:02:34



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