• vom 13.09.2014, 11:00 Uhr

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Mutter: Text und Musik




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Von Andreas Walker

  • Verweigerung mit Methode
  • Mit "Text und Musik" veröffentlicht die Berliner Band Mutter ein ausnehmend zugängliches neues Album. Trotzdem wird das Quintett um Sänger Max Müller ein Fall für Liebhaber blieben.

Kompromisslos gegenüber dem Kommerz - und heute trotzdem teils poppig: Mutter um Sänger Max Müller (rechts).

Kompromisslos gegenüber dem Kommerz - und heute trotzdem teils poppig: Mutter um Sänger Max Müller (rechts).© Mutter Kompromisslos gegenüber dem Kommerz - und heute trotzdem teils poppig: Mutter um Sänger Max Müller (rechts).© Mutter

Der französische Psychiater und Psychoanalytiker Jacques Lacan meinte einst, dass die Wahrheit sich nur "halbsagen" ließe. Diese Absage an die Mitteilbarkeit von und die damit verbundene Kritik an der Wahrheit wurde vielleicht von keiner deutschen Band über die Jahrzehnte so in Szene gesetzt wie von Mutter. Immer wieder wird der Hörer mit alltäglichen Szenen konfrontiert, denen der Protagonist, obgleich involviert, distanziert gegenübertritt, ohne dass ein besserwisserischer Standpunkt hindurchschimmerte - von Ironie ganz zu schweigen.

Die "Ent-Fremdung" - mal als positive Näherung, mal als Entfernung - des Alltags bleibt unauflöslich bestehen. "Die Erde wird der schönste Platz im All", behaupteten Mutter 1994 mit einem Song, der sich zu einer Art Hymne stilisierte, obwohl oder weil er von einem Hund, einem Kind, von Abschied und Tod handelte. Auch zwanzig Jahre später wird die Band um Max Müller nicht müde, die Vergänglichkeit, den Wandel der Zeiten und das Wunder der Welt zu besingen.


Existentialistisch
Mit "Text und Musik" erscheint nun ein neues Album. Es ist von den ersten Tönen an genau das, was es vom Titel her verspricht. Erzählerische Texte mit existenzialistischem Einschlag werden von Gitarren, Keyboard und Schlagzeug begleitet. Das wirkt beim ersten Hören sogar etwas pennälerhaft. "Früher oder später" klingt so, als wollten Mutter im Nachhinein einen Preis für die beste Schulband gewinnen. Ihr neuer Streich gönnt dem Hörer dann auch mal eine intellektuelle Ruhepause, zum Beispiel mit dem Instrumentalstück "Qui?", das recht gemächlich vor sich hinplätschert und wie ein Sonnenuntergang in der deutschen Hauptstadt klingt.

Seit ihrer Gründung im Jahr 1986 zeigte sich diese Berliner Band meistens kompromisslos, passte sich keinen Moden an und vermied jede Anbiederung. Stilistisch beherrschte sie monotone Eruptionen, die entfernt an die Swans erinnerten, ebenso wie die Leichtigkeit des Schlagers. Ähnlichkeiten zu den Einstürzenden Neubauten oder Element of Crime sind vorhanden, was allerdings weniger an den musikalischen Schnittmengen liegen dürfte als vielmehr am gemeinsamen Lebensmittelpunkt. Alle diese Bands prägten einen gewissen Berlinsound.

Bei Mutter ist von der Originalbesetzung neben Müller heute noch Schlagzeuger Florian Koerner von Gustorf fester Bestandteil. Beide waren schon beim Vorgängerprojekt Campingsex dabei, dessen einzige Veröffentlichung "1914!" in Insiderkreisen wegen seines Trashs geliebt wurde und den Boden für Mutter bereitete. Nach einigen Neubesetzungen bereichert Michael Fröhlich die Band seit 2007 am Bass, und seit 2013 gehört auch der Gitarrist Olaf Boqwist Mutter an. Jüngstes Mitglied ist die Keyboarderin Juliane Miess.

Nicht zuletzt wegen ihrer Verweigerung gegenüber dem Kommerz werden Mutter von der Kritik geliebt. "Die Welt" hielt "Trinken Singen Schießen" (2010) gar für das "vielleicht wichtigste deutschsprachige Album".

Die Verweigerung hat Methode. Die Themen von Max Müller kreisen immer wieder um (missglückte) Identifizierungen der Menschen mit dem Nächsten oder Fernsten, sie berühren das Nebeneinanderher- und Aneinandervorbeileben und widmen sich den daraus resultierenden Enttäuschungen. Dabei sind Mutter keine typische Diskurspopband, da ihr die Theorielastigkeit fehlt, auch wenn Müller sozialpolitisch wird ("Wer hat schon Lust so zu leben").

Müller-Geschrei
"Text und Musik" ist ein ausnehmend zugängliches Album geworden und präsentiert sich reflektierend, ohne distanziert zu sein, fatalistisch ohne Resignation und teils überraschend poppig. Natürlich darf auch das typische Müller-Geschrei nicht fehlen ("Fehler"). Doch auch wenn man der Band angesichts des äußerst sympathischen Konzepts mehr Hörer wünschte, es wird bei aller harmonischen Orientierung nicht geschehen - zu verschroben ist die Kombination von Text und Musik auch diesmal.

Mutter werden wohl weiterhin Lieblinge des Feuilletons bleiben, das Musik für das gute kritische Gewissen liebt. Aber wenn sich derjenige, der über Mutter schreibt, nun einmal wohl fühlt, so wird ihm Max Müller auf seine eigene Art ins Ohr singen: "Ich teile die Dummheit sehr gerne mit dir!"

Mutter: Text und Musik. (Clouds Hill/Rough Trade)




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2014-09-11 21:05:07
Letzte ─nderung am 2014-09-12 13:51:49



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