• vom 17.01.2015, 14:00 Uhr

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Update: 09.07.2015, 12:50 Uhr

Pop-CD

Decemberists, The: What A Terrible World, What A Beautiful World




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Von Bruno Jaschke

  • Auf ihrem neuen, siebenten Album haben sich The Decemberists aus Portland, Oregon, des Lokalkolorits ihrer letzten Werke entledigt.

Gestandene US-Truppe: The Decemberists.

Gestandene US-Truppe: The Decemberists.© Beggars Group Gestandene US-Truppe: The Decemberists.© Beggars Group

Am 26. Jänner 2011 standen die Decemberists mit "The King Is Dead" an der Spitze der US-Album-Charts. Sie lösten Cake ab, die eine Woche zuvor mit "Showroom Of Compassion" ebenso sensationell die Top-Position gehalten hatten. Diese Erfolge indizierten zum einen, wie offensichtlich mainstreammüde Amerika geworden war, um nun schon Außenseiter, die vorher nur ein überschaubarer Haufen aus dem Alternative-Bereich gekannt hatte, an die Spitze seiner Charts zu hieven. Im Falle der Decemberists - bei denen sich der Karriere-Boost noch spektakulärer ausnahm als bei Cake, die immerhin schon ein paar einschlägige Szene-Hits gehabt hatten - indizieren die Erfolge zudem, dass Amerika seine musikalischen Wurzelforscher wieder zu schätzen gelernt hat. Denn "The King Is Dead" bedeutete für das Quintett aus Portland, Oregon, auf gewisse Weise ein Back-to-your-own-roots-Projekt. Ein Heimkommen.

Prog-Rock + Bluegrass
Vorher waren die Decemberists jahrelang durch den Fundus europäischer, insbesondere britannischer und keltischer Volksmusiken gestreift, um sie mit Indie-Pop, Rock und im Falle der Alben "The Crane Wife" (2006) und "The Hazards Of Love" (2009) auch mit Prog-Rock kurzzuschließen. In Kombination mit der hohen, insistent quengelnden Stimme von Sänger und Songschreiber Colin Meloy verliehen diese musikalischen Zeugen eines wahrhaft alten Kontinents dem Sound öfters einmal eine etwas überspannte, fast neurotische Anmutung - der auch die Texte, die sich mit unheilvollen Dingen wie dem amerikanischen Bürgerkrieg beschäftigten, nicht wirklich abhalfen.


"The King Is Dead" war demgegenüber, wie Meloy damals erklärte, ein Versuch, amerikanische Musiktraditionen nutzbar zu machen. Mit dem Rückgriff auf archaische Stile wie Bluegrass und Country bekam die Band die Füße auf den Boden und gewann zugleich über relativ konventionelle Rock-Elemente an Dynamik.

Eines beträchtlichen Teils dieses Lokalkolorits, dem durchaus nichts Unsympathisches anhaftete, haben sich die Decemberists auf ihrem siebenten Studio-Album, "What A Terrible World, What A Beautiful World", nun wieder entledigt. Stattdessen lässt man wuchern: Stile und Stilmittel, Klangfarben, Kontraste, Arrangements.

Wie am Ende des galligen Openers "The Singer Adresses His Audience", der als gequält-schwerfällige und dabei reduzierte Folk-Ballade beginnt, schier endlos Lärm und Bombast aufgetürmt wird, hat etwas fast Psychopathisches. "Philomena" wiederum ist eine gloriose, durch raffinierte Background-Vocals verzierte Mid-Tempo-Kitsch-Operette, wie sie die New Pornographers nicht besser hätten hinkriegen können. "Make You Better" präsentiert, eingeleitet von einem Stones-artigen Riff, die Decemberists ungewohnt straight rockend.

Während das besonders eindrucksvolle "12/17/12", das auf den Amoklauf an der Newton School in Connecticut Bezug nimmt und dessen letzte Zeilen "Oh my god, what a terrible world, what a beautiful world / What a world you have made here" dem Album seinen Titel geben, mit dem äußersten Minimum an Produktionsaufwand auskommt und just dadurch eine fast spirituelle Qualität gewinnt.

Nicht neu erfunden
Es ist indes nicht so, dass sich die Decemberists mit diesem Album völlig neu erfunden hätten. In versponnenen Stücken wie "Till The Water’s All Long Gone" und insbesondere im hypnotischen "Cavalry Captain" klingen noch ihre frühen Platten, die sie Anfang der Nuller-Jahre zu Favoriten der Neo-Folk-Klientel gemacht hatten, durch, während "Better Not Wake The Baby" und "The Wrong Year" die jüngere Vergangenheit widerspiegeln.

Die Texte sind, wie Meloy dem "Rolling Stone" erzählt hat, intimer - Familie, Kinder, das Älterwerden hätten den Blick nach innen geschärft. Mitunter scheint, wie in "Lake Song", aber auch im leicht schlüpfrigen "Philomena", dieser Blick in die Vergangenheit, in die Adoleszenz gewandert zu sein. Zum Glück aber ist auf Meloy Verlass - bei einem Album, das mit dem Titel "Der Sänger spricht zu seinem Publikum" öffnet, kann es mit der Introspektion nicht gar so arg sein.

The Decemberists: What A Terrible World, What A Beautiful World (Rough Trade/Beggars Group)




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-01-16 14:50:08
Letzte nderung am 2015-07-09 12:50:11



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