• vom 30.01.2015, 17:00 Uhr

CDs

Update: 23.11.2015, 12:27 Uhr

Pop-CD

Dylan, Bob: Shadows In The Night




  • Artikel
  • Lesenswert (6)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Andreas Rauschal

  • Er wird sinatrisch: Bob Dylan wagt sich auf seinem 36. Studioalbum an Frank Sinatra heran.

Bob Dylan reduziert Frank Sinatra auf die Essenz.

Bob Dylan reduziert Frank Sinatra auf die Essenz. Bob Dylan reduziert Frank Sinatra auf die Essenz.

Diese Verbindung war keineswegs offensichtlich. Jetzt einmal abgesehen von einer grundsätzlichen Rastlosigkeit und dem sowohl als sogenannter Recording Artist oder auf der großen Fahrt einer Never-ending-Tour vermittelten Arbeitseifer als kleinstem gemeinsamen Nenner wird man Frank Sinatra doch vor allem als Crooner erinnern. Und Bob Dylan als Crooner, du liebe Güte, experience says no! Wer dem Meister irgendwann während der letzten zehn Jahre zur Audienz ins Konzert kam, kann allfällige Vergleiche mit Krusty dem Clown, der nach einer durchzechten Nacht gerade das Showprogramm einer Firmenfeier in der Südsteiermark absolviert, nicht abwegig finden. Wobei der bevorzugt angebellt durch die Mehrzweckhalle schallende (und auf seine Art natürlich wunderbare Eh-wurst-Vortrag bei gegen null tendierender Textverständlichkeit) gut zur Altersrolle des Meisters als Kauz passen sollte - und soll.

Ehrfurcht und Respekt
Hörte man sich nach Ankündigung seines mittlerweile 36. Studioalbums als Hommage an Frank Sinatra durch die von diesem interpretierten Songs, stellte sich also alsbald die Frage, wie Bob Dylan es anlegen würde. Formal fällt an den zehn sich mit einer Spielzeit von 35 Minuten begnügenden Stücken von "Shadows In The Night" zunächst einmal auf, dass auf die Hits und Klassiker Frankie Boys verzichtet wird und nur die getragensten Beiträge aus dem Balladenfach zum Einsatz kommen. Und auch die Beschränkung auf Songs, denen sich der dienstjüngere Sinatra in den 40er und 50er Jahren widmete, gilt es zu bemerken. Wie auch das: Angst und Schrecken gehen um, wenn man sich an die letztmalige Betätigung des Meisters als Interpret mit dem Weihnachtsalbum "Christmas In The Heart" von 2009 erinnert.


Denkt man wiederum an Bob Dylan als Dekonstruktivisten seiner selbst, der Dylanologen über radikale Neufassungen live mit dem großen Konzert-Feiertagsrätsel "Was spielt es jetzt?" beschäftigt, wird Dylans an Ehrfurcht gemahnender Respekt vor Sinatra auch insofern deutlich, als an der Melodieführung als wesentlichstem Erkennungsmerkmal dieser Songs nichts gedeutelt wird.

Unter Aussparung sämtlicher nach dem guten alten Hollywood klingender Schwarz-Weiß-Streicher- und (fast aller) Bläser-Arrangements regieren auf Basis einer teils unterbeschäftigten Fünfmannbesetzung der Mut zur Lücke, die Merkel’sche Spardoktrin und ein alter Werbeslogan: Der Speck muss weg! Zart wird zur gespensternd-flüchtigen und bezüglich der Übersetzung des Kerncharakters Schwerarbeit leistenden Pedal-Steelgitarre über die Sechssaiter gestrichen oder gelegentlich daran gedacht, dass sich hinten im Eck auch ein Schlagzeug und zwei Beserl befinden - sowie ein Musiker, der davor schnarcht und rüsselt. Der Kontrabass und nur selten eingestreute (und auch dann nobel im Hintergrund verbleibende) Bläser sorgen für Echos aus der Vergangenheit.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Schlagwörter

Pop-CD, Bob Dylan

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-01-30 15:56:06
Letzte ─nderung am 2015-11-23 12:27:30



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Kokette Bescheidenheit aus Venezuela
  2. Der neue Augustin
  3. "Meine Jazzseele beeinflusst mich"
  4. "Eigentlich kannst du nur versagen!"
  5. Die Tasten aus Ottakring sind verstummt
Meistkommentiert
  1. "Eigentlich kannst du nur versagen!"
  2. Mit Monteverdi in den Mainstream
  3. Berührungsneugier
  4. Ein Wienerlied auf die Politik

Werbung



Klassik-CD

Mannheimer Schätze

Stamitz u. a.: Andreas Mannheim mit seiner Hofkapelle war in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts das musikalische Zentrum Mitteleuropas... weiter




Klassik-CD

Vom Belcanto zum Verismo

R. Chailly: Overtures, Preludes, Intermezzi Decca, 1 CD, ca. 20 Euro. Was auf den ersten Blick fantasielos erscheint, erweist sich als Versprechen für eine fruchtbare Zukunft. Riccardo Chailly... weiter





Pop-CDs

A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W Z



Werbung