• vom 22.02.2015, 14:00 Uhr

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Update: 09.07.2015, 13:01 Uhr

Pop-CD

González, José: Vestiges & Claws




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Von Andreas Wirthensohn

  • Der schwedische Singer-Songwriter José González beendet mit seinem neuen Album "Vestiges & Claws" eine Trilogie: Geglättetes Liedgut für ein Mehr an Wärme.

Wärmende Zartheit und gefälliges Dahinplätschern: José González’ Wechselspiel für Abende vor dem Kaminfeuer.

Wärmende Zartheit und gefälliges Dahinplätschern: José González’ Wechselspiel für Abende vor dem Kaminfeuer.© Malin Johansson Wärmende Zartheit und gefälliges Dahinplätschern: José González’ Wechselspiel für Abende vor dem Kaminfeuer.© Malin Johansson

Nein, dieses Jahr 2015 macht es einem bisher wirklich nicht leicht. Plötzlich ist wieder Krieg im Osten Europas, Satiriker werden erschossen, weil sie es wagen, dem Propheten ein Gesicht zu geben, in Deutschland sorgen Pegida und ihre Ableger für hektisches Treiben auf den Straßen, und jetzt haben auch noch die Griechen dafür gestimmt, die EU herauszufordern. Es sind in der Tat ungemütliche Zeiten. Da tut es gut, eine Platte in Händen zu halten, die erfreulich viel wärmende Zartheit ausstrahlt und uns nebenbei auch noch ein paar Lebensweisheiten für den Alltag mit auf den Weg gibt.

10 Songs im Alleingang
"Vestiges & Claws" heißt das dritte Soloalbum des Schweden José González. Er kam 1978 als Kind argentinischer Eltern in Göteborg zur Welt, wo er noch immer lebt, und hier hat er im trauten Heim alle zehn Songs im Alleingang aufgenommen und am Laptop abgemischt: akustische Gitarren, etwas Percussion und Handclapping, die eigene Stimme als Backgroundgesang. Damit, so González, sei eine Trilogie vollendet, die mit "Veneer" (2003) begann und mit "In Our Nature" (2007) ihre Fortsetzung fand.


Nun ist es natürlich nicht so, dass der sanfte Schwede, der äußerlich immer mehr Ähnlichkeit mit Cat Stevens in seinen besten Jahren bekommt, acht Jahre lang nichts anderes getan hätte, als an diesen knapp vierzig Minuten Musik zu feilen. Mit seiner Band Junip, die lange Jahre ein reines Hobbyprojekt war, nahm er zwei Indiepop-Platten auf, die zwischen elektrisierend und einschläfernd so ziemlich alles zu bieten hatten, und tourte ausgiebig durch die Welt. Und der US-Schauspieler Ben Stiller engagierte ihn für seinen Film, "Das erstaunliche Leben des Walter Mitty", den González gleich mit mehreren Songs musikalisch aufmöbelte. Wie überhaupt González’ Lieder auffallend gerne in amerikanischen Fernsehserien und Werbespots zum Einsatz kommen. "Heartbeats" etwa, seine Coverversion eines Songs des schwedischen Elektroduos The Knife, fand fast schon endemische Verwendung.

Auf Solopfaden lebt der Singer/Songwriter-Folkpop des Mannes vor allem von zwei Dingen: seinem feinen Gitarrenspiel und seiner sanften Stimme. González, der ursprünglich Biochemiker werden wollte, hat eine klassische Gitarrenausbildung genossen. Seine akustischen Instrumente bearbeitet er ausschließlich mit den Fingern, ohne Plektrum, und nicht nur deshalb ist unschwer zu überhören, dass Latinoblut in seinen musikalischen Adern fließt. Vor allem aber bilden die Komplexität und auch Emotionalität der Gitarrenmelodien einen wichtigen Gegenpol zu González’ zarter, stets sehr kontrollierter Stimme, die schnell ein wenig schläfrig wirken kann.

Wie wunderbar sich daraus eine produktive Spannung entwickelt, zeigt gleich der Opener "With The Ink Of A Ghost", der nahtlos an die aufregenden Vorgängeralben anschließt. Das anschließende "Let It Carry You" hingegen versandet als netter, belangloser Mutmachsong für die Generation Praktikum. Wärmende Zartheit und gefälliges Dahinplätschern: José González’ Wechselspiel für Abende vor dem Kaminfeuer.

Cat-Stevens-Schicksal?
Dieses Wechselspiel setzt sich fort: "Stories We Build, Stories We Tell", "Lead Off/The Cave" und "What Will" zeigen das ganze Können von José González, während "The Forest" oder "Every Age" hübsch beginnen, aber leider nichts aus ihrem Potenzial machen. Alles Widerständige, Raue und Reibende ist hier einer langweiligen Glattheit gewichen, die noch dadurch verstärkt wird, dass der Gesang auf diesem Album nur noch ganz selten aus seiner Schonhaltung herauskommt. Das führt dann im schlimmsten Fall zu einem wärmend-gefälligen Dahinplätschern wie im abschließenden "Open Book".

Nachdenklich ins knisternde Kaminfeuer starrend, eine kuschlige Decke umgelegt und eine dampfende Tasse Tee mit beiden Händen umfasst - so stellt man sich den idealen Hörer dieses in seiner Freundlichkeit fast schon wieder perfekten Songs vor. Hoffen wir also, dass diesen begnadeten Songschreiber nicht das gleiche Schicksal wie den guten alten Cat Stevens ereilt. Aus seinem "Father And Son" wurde irgendwann bekanntlich "Wenn der Teekessel singt". Ganz ausgeschlossen ist dieses Schicksal beim Schweden aber keineswegs.

José González: Vestiges & Claws (Peacefrog/Rough Trade)




Schlagwörter

Pop-CD, Musikkritik, Rezension, Extra

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-02-20 15:08:07
Letzte nderung am 2015-07-09 13:01:50



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