• vom 27.02.2015, 14:08 Uhr

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Update: 09.07.2015, 13:03 Uhr

Pop-CD

Pop Group, The: Citizen Zombie




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Von Andreas Rauschal

  • Mark Stewarts The Pop Group legt nach 35-jähriger Veröffentlichungspause ein neues Album vor - und sorgt damit für eine würdevolle Wiederkehr.

Zugänglich - und trotzdem kompromisslos: The Pop Group um Sänger Mark Stewart (l.). - © C. Meattelli & D. Lee

Zugänglich - und trotzdem kompromisslos: The Pop Group um Sänger Mark Stewart (l.). © C. Meattelli & D. Lee

Angesichts dieser Band kann die Generation 50 plus durchaus nostalgisch werden. Zumindest, wenn sie bei ihrer popkulturellen Sozialisation Ende der 70er Jahre eine Schwäche für aus dem Punk geschlagene Musik "wider die Umstände" kultivierte.

Immerhin sorgte The Pop Group aus Bristol mit Mark Stewart an der Front über gehobenen Dilettantismus im Sinne des "Do it yourself"-Gedankens für eine mutige Mischung aus Post-Punk-Gitarren mit Überresten aus Dub, Funk, Free Jazz und experimenteller Musik - wobei die Ergebnisse tanzbar ausfallen oder als freie Songexorzismen daherkommen durften. Nicht von ungefähr bekannte sich ein gewisser Nick Cave bald als Fan. Dazu stand The Pop Group als galliger Kommentator ohne jedwede Pop-Group-Eigenschaft für eine Anti-Establishment-Haltung, die sich zwischen geballter Faust und einer diffusen Vorahnung definierte.


Margaret Thatcher, working class, das System, Paranoia - so lauten die Schlagwörter, die im Zusammenhang mit dieser Band zwangsläufig fallen. Mark Stewart sang nicht, er skandierte so kampfbetont wie gerne am richtigen Ton vorbei mit dem Megafon-Verzerrer ins Mikrofon. In den klügsten Momenten dieser Musik ging es aber auch um die Unmöglichkeit, selbst nicht Teil des Ganzen zu sein: "You participate whether you like it or not. You are responsible whether you like it or not. There is no neutral. No one is innocent and no one will be forgiven. Escapism is not freedom!"

Vor diesem Grundsetting entstanden die von der Kritik als zentral erachteten, von einer breiteren Öffentlichkeit - bis auf den Mini-Hit "She Is Beyond Good And Evil" - aber gar nicht erst registrierten Arbeiten "Y" (1979) sowie das inhaltlich explizitere "For How Much Longer Do We Tolerate Mass Murder?" (1980).

Nach der aus Demoversionen und Live-Songs bestehenden Kompilation "We Are Time" war die Band vorläufig auch schon wieder Geschichte. Ihr Erbe ging im Solowerk Stewarts auf, das nach der Adrian-Sherwood-Kollaboration "Learning To Cope With Cowardice" (und teils mit The Maffia als Begleitband) auf Mute Records ästhetisch und qualitativ den Schlingerkurs einschlug.

Nach zwölfjähriger Veröffentlichungspause gelang Stewart mit "Edit" 2008 ein erfolgreiches Solo-Comeback. Das von Killing-Joke-Man Youth produzierte "The Politics Of Envy" (2012) wiederum fiel bereits in die Reunions-Phase der Pop Group, die 2010 als Sensation gefeiert wurde und zunächst nur mit Konzerten über die (Festival-)Bühne ging. Damit ließen sich Lorbeeren ernten und auch jene Pfundscheine verdienen, die der Alltag nun einmal verschleißt. Der Öffentlichkeit aber teilte man mit, dass die Zeiten seit dem Band-Aus nur noch schlimmer geworden wären, ein Statement der Pop Group zur Lage also geradezu eine künstlerische Notwendigkeit sei.

Mit "Citizen Zombie" liegt nun auch ein nicht mehr erwartetes neues Studioalbum der Band vor. Dass dafür ausgerechnet der Erfolgsproduzent Paul Epworth (Adele, Bruno Mars) verpflichtet wurde, durfte im Vorfeld für erhebliche Skepsis sorgen. Will das System tatsächlich noch zerschlagen werden? Kann dies auch von Innen passieren? Und wie mag es klingen?

Tatsächlich ist eine überzeugende Arbeit entstanden, die im Wesentlichen keine Zugeständnisse macht - auch wenn die Pop Group mit der Auftaktsingle "Mad Truth" so zugänglich daherkommt wie selten zuvor. Mark Stewarts Gesang hingegen fällt auch heute um nichts richtiger aus, die Gitarren sind kaum weniger gegen den Strich gebürstet und der Facettenreichtum bleibt hoch: "St. Outrageous" gibt den Stampf, "Box 9" quengelt heiter herum, zum motorischen Pluckerbeat von "Nations" werden nächtliche Noir-Noten in die Klangfarben gemischt.

Dazwischen hört man astreine Disco-Bässe, in den Hallraum drängende Funkgitarren und mit "Age Of Miracles" und "Echelon" Momente der Melancholie, die man als altersmilde bezeichnen könnte. Nicht zuletzt aber mit der Trümmerballade "Nowhere Girl" zeigt sich Stewart heute in der Form seines Lebens. Die Verstärker glühen, die Augen glänzen. Eine Wiederkehr in Würde.

The Pop Group: Citizen Zombie (Freaks R Us/Hoanzl)




Schlagwörter

Pop-CD, Extra, Musikkritik, Rezension

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-02-27 14:11:05
Letzte ─nderung am 2015-07-09 13:03:31



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