• vom 08.03.2015, 13:30 Uhr

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Update: 09.07.2015, 13:10 Uhr

Pop-CD

Noel Gallagher’s High Flying Birds: Chasing Yesterday




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Von Bruno Jaschke

  • Der ehemalige Oasis-Songschreiber Noel Gallagher meldet sich mit dem zweiten Album seiner Band High Flying Birds zurück.

Neigt zu artistischer Hochstapelei: Noel Gallagher.

Neigt zu artistischer Hochstapelei: Noel Gallagher.© Lawrence Watson Neigt zu artistischer Hochstapelei: Noel Gallagher.© Lawrence Watson

Der meilenweit herausragende Song kommt ungefähr zur Halbzeit: "The Right Stuff" ist eine Jazz-Ballade mit aufmüpfigem Saxofon, elegantem Piano, dezenter Gitarre, leichtem Bläser-Hintergrund und zurückgenommenem Mann-Frau-Gesang (die weibliche Stimme gehört Joy Rose).

Davor und danach herrscht - leider - Normalität in "Chasing Yesterday", dem allem Anschein nach programmatisch betitelten zweiten Album, das Noel Gallagher nach einem sehr erfolgreichen titellosen Debüt mit seiner Formation High Flying Birds aufgenommen hat. "Normalität" heißt hier: Ein Musiker spielt seine Grundkompetenzen Songschreiben und Gitarrespielen genau so solide und vorhersehbar aus wie er sie beherrscht.

Information

Noel Gallagher’s High Flying Birds
Chasing Yesterday
(Sour Mash/Indigo)


Noel Gallagher war als Song-Autor von Oasis nie ein "Sprachrohr seiner Generation" oder was immer (Hype-)Verblendete in ihn hineininterpretiert haben mochten. Er beherrschte die große Geste, keineswegs aber große Inhalte. Als Gitarrist war und ist er nicht mehr als Mittelmaß. Das alles tritt jetzt, da uns Gallagher "persönlicher", weil nicht mehr durch die Stimme seines Sangesbruders Liam und ein übermächtiges Image gefiltert entgegenkommt, mit einer gewissen ernüchternden Klarheit zutage.

Zwar ist Noel Gallagher schon bei Oasis hin und wieder als Vokalist in Erscheinung getreten - nicht anders als zahlreiche andere Gitarristen und Songschreiber in Bands, in denen jemand anderer zum Singen bestimmt war/ist: Pete Townshend bei The Who, Keith Richards bei den Stones, William Reid bei The Jesus And Mary Jane oder Graham Coxon bei Blur, denen Gallagher in einem seiner vielen besonders geschmackvollen öffentlichen Auswürfe den Aids-Tod wünschte. Aber es ist ein Unterschied, ob man gelegentlich ans Mikro geht oder stimmlich für ein ganzes Album einsteht.

Gallagher absolviert die Sangesübung kompetent. Aber nicht so, dass etwas hängen bliebe. Wie schon beim Debüt der High Flying Birds ist auf dieser von ihm selbst produzierten Platte der selbst erteilte Auftrag spürbar, mit der Stimme Druck machen zu müssen. Die nonchalante Lässigkeit, die den von ihm interpretierten Oasis-Frühhit "Don’t Look Back In Anger" durchaus nicht unvorteilhaft prägte, ist verschwunden.

Die forcierte Dynamik in seiner Stimme steht nun zwar durchaus im Einklang mit den gitarrenbetonten Power-Rock-Arrangements, schafft es aber nicht, den Hörer zu "erwischen": Gallagher dampft gewissermaßen mit Überdruck unter ihm durch. Ist das aber eher eine Art Betriebsunfall, so sind die Texte definitiv ein Fall vorsätzlicher artistischer Hochstapelei. Schon die Titel erwecken Argwohn: "Das Mädchen mit den Röntgen-Augen", "In der Hitze des Moments", "Versperr alle Türen", "Das Verlöschen des Lichts", "Du weißt, dass wir nicht zurück können" und "Ballade vom mächtigen Ich" lauten einige der insgesamt zehn Songs auf dieser LP.

Verschwendete Jahre
Es ist weitgehend die von Oasis gewohnte, wenngleich damals mehr PR-gestisch als über Song-Inhalte demonstrierte Wir-gegen-die-Welt-Attitüde, die Noel Gallagher hier in der ersten Person Singular zur Schau stellt. Die Ausführung ist indes nicht überzeugender geworden. Um nur "The Dying Of The Light", das möglicherweise gerne auf Richard Hawleys Wall-of-Sound-Album "Standing At The Sky’s Edge" dabei gewesen wäre, herauszugreifen: Von "verschwendeten Jahren" ist da die Rede, vom Aufwachen in einem Zug, der nirgendwo hinführte, von Naturerscheinungen, die im Protagonisten den Wunsch zu heulen auslösen; und, wohl rein des Reimes willen, von einem "fountain", der zufälligerweise in der Nähe eines "mountain" auftaucht, von der vergeblichen Sehnsucht nach einem Ausbruch Richtung unbekannt: "Gonna try my best to get there / but I can’t afford the bus fare."

Wahrscheinlich soll das Ganze eine Art Vergangenheitsbewältigung sein - die Beliebigkeit der Bilder, die hier aneinandergeworfen werden, ist allerdings das alleruntauglichste Mittel dazu. Da geriert sich ein einfacher Rockstar als vom Leben Gezeichneter. Aufpassen, Noel: "The girl with x-ray eyes, she’s gonna see through my disguise".


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Schlagwörter

Pop-CD, Extra, Music, Musikkritik, Rezension

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-03-06 13:35:05
Letzte nderung am 2015-07-09 13:10:19



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