• vom 21.03.2015, 11:00 Uhr

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Update: 09.07.2015, 13:15 Uhr

Music

Stevens, Sufjan: Carrie & Lowell




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Von Uwe Schütte

  • Sufjan Stevens und sein neues Album "Carrie & Lowell".



Sufjan Stevens ist ein erratisches Genie. Er macht Alben, die so schön sind, dass man dankbar vor ihm niederknien möchte. Dann wiederum verheddert er sich in Konzepten aller Art, die nicht realistisch verwirklichbar sind - wie etwa das Projekt, über jeden US-Bundesstaat eine Platte zu machen. Zwischen 2006 und 2012 veröffentlichte Stevens zwei Box-Sets mit 100 Weihnachtsliedern. Weniger wäre da mehr, aber das ist halt der Preis, den wir dafür zahlen müssen, dass alle paar Jahre ein Album daherkommt, das so wunderbar und berückend ist wie nun "Carrie & Lowell". Zu elegischer Akustikgitarre erzählt Stevens hier seine Geschichten von unwiderruflichem Verlust, frühem Leid, tiefer Enttäuschung und unerfüllbarem Verlangen. Ob das alles autobiografisch ist, möchte man lieber nicht genau wissen. Doch just das dürfte der Fall sein auf diesem, seinem persönlichsten Album.

Carrie und Lowell lauten die Namen seiner Mutter und seines Stiefvaters; beide sind auf dem Cover zu sehen. Der Tod von Carrie, die 2012 an Magenkrebs verstarb, ist ein offenkundiger Einfluss; doch wenn Stevens von seiner Sehnsucht nach der verlorenen Mutter singt, so gilt es zu bedenken, dass die an Alkoholismus, Depressionen und Schizophrenie leidende Frau ihren Sohn als Kind sitzen ließ: "I forgive you, mother / I can hear you / and I long to be near you." Da möchte man eigentlich selber zu weinen beginnen.


Vor diesem Hintergrund wird auch begreifbarer, welchen kompensatorischen Zweck die Experimente mit Sex und Drogen hatten, von denen Stevens auf "No Shade In The Shadow Of The Cross" erzählt. Doch man muss überhaupt nicht auf diese psychologische Ebene gehen oder die Texte als autobiografische Bekenntnisse lesen, um tief berührt zu sein von den Songs.

Das Album markiert eine veritable Rückkehr zum kristallinen Folk des Meilensteins "Seven Swans", der auch schon über zehn Jahre alt ist, ohne an Magie verloren zu haben. Dasselbe wird auch beim neuen Album der Fall sein. Unendlich traurig, aber zeitlos schön.

Sufjan Stevens: Carrie & Lowell (Asthmatic Kitty)




Schlagwörter

Music, Sufjan Stevens, Pop-CD, Extra

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-03-20 11:38:05
Letzte nderung am 2015-07-09 13:15:46



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