• vom 23.05.2015, 10:00 Uhr

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Update: 09.07.2015, 13:52 Uhr

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Das Trojanische Pferd: Dekadenz




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Von Bruno Jaschke

  • Herausfordernder denn je gibt sich die Wiener Formation Das Trojanische Pferd auf ihrem großartigen neuen Album "Dekadenz", das nicht nur textliche Glanzlichter bietet.

Konfrontation, Konflikt, Dissidenz: Das Trojanische Pferd um Sänger und Texter Hubert Weinheimer (2.v.l.). - © Manuel Mädel

Konfrontation, Konflikt, Dissidenz: Das Trojanische Pferd um Sänger und Texter Hubert Weinheimer (2.v.l.). © Manuel Mädel

"Ich hab’ alles und jeden zum Frühstück gegessen: die traurigen Clowns und die glücklichen Eltern / das Fleisch und die Knochen hab’ ich leider erbrochen / das hat man dann an meinen Kleidern gerochen / Dann hab ich mich mit allen Wassern gewaschen / von Sarodrano bis zum Alberner Hafen / die Welt ist ein Seerosenteich / sehr lebendig und leblos zugleich / Es ist auch nicht immer so schön / ganz über den Dingen zu stehen."

Überdruss an allem

Information

Das Trojanische Pferd
Dekadenz
(Monkey./Hoanzl)


Ergeben diese Zeilen einen Sinn? Man könnte aus ihnen einen Überdruss an allem und jedem - am Leben, an der Welt, der Existenz ganz grundsätzlich - herauslesen. Oder ein Gefühl der Überforderung. Entfremdung könnte genauso gut ein Thema sein, wenn doch im Folgenden einer "sich liegen und stehen ließ" und dabei suggeriert wird, dass alles, was eine Person vermeintlich ausmache, eine Ansammlung von Angelesenem und -gehörtem sein könnte. Aber auch wenn nichts davon zuträfe: Hier offenbart sich allein in Sprachgestus und -bildern ein ultimatives Stück lyrischer Pop-Genialität.

Textliche Glanzlichter leuchten im uvre des Wiener Quartetts Das Trojanische Pferd indessen etliche. Die Energiequelle der Band ist eine tiefverwurzelte Widerständigkeit. Gleich im allerersten Song ihrer (mittlerweile als Gratis-Download auf der Website dastrojanischepferd.org erhältlichen) Debüt-LP von 2009 ist die Band mit den Zeilen "das ist kein rundes Lied, weil es nichts Rundes gibt" vorstellig geworden.

Perfide Provokation
Ihr neues, drittes reguläres Album "Dekadenz" öffnet nun, indem einer "mit dem Kopf durch die Wand" will. Am Ende der ersten Seite (Vinyl-Version) "fängt es grad mal eben an, so richtig aufzuhören". Da, wo es dann definitv aufhört, nämlich im abschließenden "Idiotenlied" (mit einem gesanglichem Gastgeschenk des Nino aus Wien), passiert etwas Seltsames: Ironie und Doppelbödigkeit machen, anstatt eine Aussage mit Unverbindlichkeit zu desinfizieren, den Hörer zum Komplizen einer perfiden Provokation - oder zu deren Opfer, je nachdem, ob er dem fast übermächtigen Mitsing-Impuls widerstehen kann oder nicht: "Beim Idiotenlied singen Idioten mit / und allen Nicht-Idioten ist dieses Lied verboten."

Konfrontation, Konflikt, Dissidenz - das ist also das Bezugs-Feld, auf dem Sänger und Autor Hubert Weinheimer seine Positionen bezieht. Und weil man ja nicht ungestraft die Höllenhunde herausfordert, kommt’s dabei hin und wieder auch zu kleinen Unfällen der Marke "patschertes Leben". Anders aber als in dem rührenden Klassiker des geschlagenen Boxers Hans Orsolics geht es hier um Niederlagen, in die man "bei vollem Verstand" hineingerannt ist. Oder, wie es an anderer Stelle heißt: "I bin oft scho auf’d Gosch’n gflog’n / und oft a scho vadrosch’n woan / So monches woa gschiss’n / oba i mecht’s trotzdem net miss’n."

Kumpel des Hörers
"Bluadiga Hund" ist eines von drei Stücken, in denen Weinheimer nun erstmals im Wiener Dialekt singt. Das ändert die Anmutung seines Vortrags auf verblüffend drastische Weise, macht ihn zum Kumpel des Hörers - auch wenn er naturgemäß meist Unangenehmes zu sagen hat: "I sog’s grodaus: I mog di net".

Im Hochdeutschen dagegen wirkt er stets distanziert, eine überlegene Position reklamierend. Die gewisse Manieriertheit, die er dabei öfters annimmt, hat freilich auch ihren spezifischen Reiz: Stücke wie das eingangs zitierte "Seerosenteich" oder "Lied für S." infiltriert Weinheimer, Vokale gerne in die Länge ziehend, mit einer eigentümlichen Mischung aus Crooner-Sentiment und jenem wehmütigen und leicht frostigen Pathos, das etwa auch einen Finn Andrews charakterisiert. Möglich, dass auch deshalb bei einigen ruhigeren Passagen Andrews’ Band The Veils als musikalische Referenzwolke am Firmament schwebt.

Freilich ist damit aber nur ein ziemlich kleines Segment in der stilistischen Reichweite von "Dekadenz" erfasst: Hämmernder Post-Punk, Chanson, Folk, Pop und Gstanzl werden hier kühn durcheinandergewirbelt und mit kluger Dramaturgie zu einem in hellen, gleichwohl kühlen Farben schillernden Klangkörper zusammengesetzt. Ein Anwärter auf die Platte des Jahres.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-05-22 14:29:05
Letzte nderung am 2015-07-09 13:52:47



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