• vom 13.07.2015, 16:41 Uhr

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Update: 25.08.2015, 13:33 Uhr

Pop-CD

Miguel: Wildheart




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Von Andreas Rauschal

  • Der Geilspecht als Sünder - R&B-Sänger Miguel ist thematisch beim Porno zu Hause. Die Hölle hat einen Gastauftritt.

Sexualität, der Stachel im Fleisch, die lüsterne Wunde. Miguel mag es explizit. Ein wenig katholisches Restgewissen hat er aber irgendwie auch.

Sexualität, der Stachel im Fleisch, die lüsterne Wunde. Miguel mag es explizit. Ein wenig katholisches Restgewissen hat er aber irgendwie auch.© Sony Sexualität, der Stachel im Fleisch, die lüsterne Wunde. Miguel mag es explizit. Ein wenig katholisches Restgewissen hat er aber irgendwie auch.© Sony

Wien. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde der Mann durch einen "Flexident" bekannt, also sein unfallartiges Ausscheiden aus dem Bühnenraum als menschlicher Winkelschleifer. Bei den Billboard Music Awards im Mai 2013 setzte Miguel zu einem ungeplanten Sprung über das Publikum an, an dessen Ende kein Telemark, sondern ein Kacherl stand. Zwei Frauen wurden dabei dermaßen potschert um- und niedergemäht, dass sich die sozialen Medien im Internet wieder einmal belustigt zeigen, also vor Spott und Häme biegen durften.

Mit Reststoff an der blanken Haut
Das war, als die Karriere dieser neuesten aller R&B-Versprechungen dank der mit einem Grammy ausgezeichneten Single "Adorn", der am Ende kein "o" fehlte, weil sie sich statt Kritischer Theorie und Frankfurter Schule lieber mit einer Bitch beschäftigte, die ein Baby ist, endlich in die Gänge kam. Zuvor war "All I Want Is You", das Debütalbum des 1985 in Los Angeles geborenen Sängers, wegen Rechtsstreitigkeiten immer wieder verschoben worden, ehe es sich - trotz einer mit einschlägigen Stücken wie "Quickie" und "Vixen" demonstrierten Nähe zu Sex und Porno als künstlerischen Alleinstellungsmerkmalen - nicht übermäßig verkaufte. Wie bitte, was? Sex und Porno sind im zeitgenössischen R&B gar keine Alleinstellungsmerkmale?


Neben in Sachen Sound und Produktion zumindest zwischendurch Hoffnung lassenden frühen Stücken wiederum wurde Miguel bald nach seinem Live-Hoppala aber auch mit dem glattpolierten Hitradio-Pop seiner Single "Beautiful" auffällig, die dank zusätzlicher Zwangsbeschallung an der Discounterkassa oder im Supermarkt links neben der Käsetheke auch allen bekannt sein dürfte, die der Meinung sind: Miguel? Nie gehört. Im Musikvideo dazu mit etwas Reststoff auf der blanken Haut gar nicht einmal so subtil auf einem Motorrad reitend, durfte sich Duettpartnerin Mariah Carey (O! M! G!) auch ohne Miguels Zutun selber geil finden. Der Reststoff, den die Diva als kesse 20-jährige Mittvierzigerin präsentierte, war übrigens aus Lack oder Leder, also sehr sexuell.

Sexualität, der Stachel im Fleisch, die lüsterne Wunde. Auf seinem nun vorliegenden dritten Album "Wildheart" (Sony Music) kümmert sich Miguel gänzlich um die von einer alten österreichischen Fernsehwerbung geborgte Lebenseinstellung, wenn man rechtzeitig drauf schaut, dass man’s hat, wenn man’s braucht.

Information

Miguel: Wildheart (Sony Music)

Zu im Falsett beraunten, bestöhnten und teilweise als männliche Christina Aguilera zersungenen Nummern, die zwischen Artyness und Radiotauglichkeit auch stilistisch unentschlossen ihr Klangbild wechseln wie Swinger ihre Sexualpartner im Club oder unten in San Fernando Valley, dem US-Schmuddelfilmzentrum, "Schauspieler" die Stellungen, geht es auch um branchenübergreifende Fragen wie etwa jene, warum es denn bitte so heiß ist hier, und vor allem, ob bitte eh Handtücher in ausreichender Stückzahl vorrätig sind.

Alles ist Fleisch
Der Song "The Valley" ist eine Hommage an das US-Schmuddelfilmzentrum. "Coffee" erzählt über gemeinsamen Kaffeekonsum mit pornografischen Folgen. In "NWA" geht es um etwas, das man auf Deutsch als "Schnackseln, bis die Rettung kommt" übersetzen könnte - und bei "Flesh" ist alles Fleisch, sogar die krümmste Gurke.

Nur dazwischen in kurzen Verschnaufpausen mit Miguel im weißen Frottee wird über Existenzielleres wie etwa den frühen Tod als möglichen Vorzug oder Geldhaben, Ruhm und Partymachen in Hollywood nachgedacht. Am Ende schaut Lenny Kravitz mit der Gitarre vorbei.

Darüber, dass im Verlauf des Albums gerne das Wort "Sünde" fällt, in Musikvideos beim Liebemachen Kreuze aus Neonlicht im Hintergrund in die Missionarsstellung gehen und sich Miguel selbst einer Schuld bezichtigt, die ihn noch in die Hölle führen wird, könnte man nun diskutieren - da tauscht der Sänger längst erneut das Frottee gegen die Federn.

Geile Sache! Aber irgendwie auch egal.


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Schlagwörter

Pop-CD, Musikkritik, Rezension

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-07-13 16:44:05
Letzte nderung am 2015-08-25 13:33:04



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