• vom 02.08.2015, 18:45 Uhr

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Update: 25.08.2015, 13:37 Uhr

Music

Chemical Brothers, The: Born In The Echoes




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Von Bruno Jaschke

  • Ein Spiegel des Lebens - Die Chemical Brothers erzählen auf ihrem neuen Album eine Geschichte über existenziellen Druck. Live gastieren sie am 20. August am FM4-Frequency-Festival.

Wie frisch überholt: Die Chemical Brothers veröffentlichen mit "Born In The Echoes" ihr achtes Album.

Wie frisch überholt: Die Chemical Brothers veröffentlichen mit "Born In The Echoes" ihr achtes Album.© Universal Music Wie frisch überholt: Die Chemical Brothers veröffentlichen mit "Born In The Echoes" ihr achtes Album.© Universal Music

Es ist eine gefährliche Kunst, ein Konsens-Act zu sein. Wie sie noch jeden Musiker, der unterschiedliche, womöglich antagonistische Publikumsschichten bedient, irgendwann heimgeholt hat, ist diese Erfahrung auch den Chemical Brothers nicht erspart geblieben. Die (nur geistesverwandten) britischen "Brüder" Tom Rowlands und Ed Simons haben einen Stil aus der Taufe gehoben: jene zwischen House und Techno vazierende, rhythmisch gebrochene elektronische Tanzmusik, die den Namen Big Beat erhalten und auf längere Sicht auch auf konventionellere Formate der Populärmusik abgestrahlt hat.

Illustre Gaststars

Information

The Chemical Brothers
Born In The Echoes
(Universal Music)

FM4-Frequency-Festival:
20. bis 22. August in St. Pöltenwww.frequency.at


Letzteres zeigte sich bei niemandem so deutlich wie bei den Chemical Brothers selbst, die einerseits gefragte Remixer für andere Künstler sind und ihrerseits auf bis dato sieben regulären Longplayern mit einer illustren Reihe von Gaststars auffahren: Hope Sandoval (Mazzy Star), Bobby Gillespie (Primal Scream), Jonathan Donahue (Mercury Rev), Wayne Coyne (Flaming Lips), Noel Gallagher (Oasis), Richard Ashcroft (The Verve), Q-Tip (A Tribe Called Quest) u.a. haben sie mit Text- und Stimmbeiträgen unterstützt und ihnen solchermaßen eine stilistische Reichweite verliehen, die weit über die Dancefloor-Klientel in das Pop-Publikum hineinging und zugleich auch Kritiker beider Lager begeistert hat.

Den Punkt, an dem Weltumarmung in universale Langeweile umschlägt, haben die Chemical Brothers irgendwann in den frühen Nullerjahren erreicht, als sich ihr "revolutionärer" Impetus erschöpft hatte und ihr Konzept zur stereotypen Formel zu verkommen drohte. Mit ihrem Album "Further" setzten sie 2010 recht mutig und nachdrücklich eine Zäsur, indem sie die aufpeitschenden Beats drastisch zurückfuhren und bis auf Stephanie Dosen (Snowbird) auch auf Gast-Stimmen verzichteten. Stattdessen verbreiterte sich die Musik auf einer üppigen Wolke von Harmonie und melodischer Besinnlichkeit zu einer Art entkitschter Alternative zum Gewaber eines William Orbit.

Auf "Born In The Echoes", Album Nummer acht, präsentiert sich das Doppel nun wie frisch überholt. Es wird wieder auf den Tanzboden gehämmert, und der Musik eignet wieder jene eigentümlich psychedelische Ausstrahlung, die schon in der Frühphase den Brückenschlag zum Pop erleichtert hat.

Und es sind wieder Gaststars zugange. Sogar so viele wie auf keiner Platte der Chemical Brothers zuvor. Die Vokalbeiträge sind aber nicht, wie bei solchen Projekten üblich, einfach zur bloßen Auflockerung eines formal strikt definierten Rahmens eingesetzt. Vielmehr fügen sie sich Schritt für Schritt zu einer Geschichte zusammen, die im Wesentlichen vom Druck erzählt, den das Leben auf das Individuum ausübt.

Q-Tip simuliert (zelebriert?) in "Go" den Geschwindigkeitsrausch bis zur Besinnungslosigkeit; Annie Clark alias St. Vincent stammelt mit beklemmend tonloser, verfremdeter Stimme zu seriellem Rhythmus von Selbstmord als logischer Konsequenz gesellschaftlicher Kälte und Beziehungslosigkeit, während House-Sänger Ali Love mit ebenfalls unnatürlich verstelltem Organ Angst vor dem Verrücktwerden bekundet und sich dazu ein heftiger elektronischer Schauer ins Leere entlädt.

Stimmungsbilder
Das rollende "I’ll See You There", das sich nach echtem Schlagzeug anhört, leitet die Platte in einen (fast) rein instrumental gehaltenen und vielleicht gerade darum etwas zuversichtlicher anmutenden Abschnitt, der sich ungefähr eine Viertelstunde bis zum majestätischen "Reflexion" zieht.

Mit der lakonisch-sarkastischen Kapitalismuskritik "Taste Of Honey", die solistisch durch das Summen einer Biene sowie einer aufjaulenden Gitarre glänzt, bricht das Stimmungsbild aber erneut. Intoniert ist dieses grandiose Stück übrigens ebenso wie das superbe, Erlösung in der Liebe suchende "Radiate" von Tom Rowlands selbst. Cate Le Bon gibt den irgendwie mondsüchtig klingenden Titelsong, während Beck mit einem zwar sehr entspannten, aber auch nicht wirklich optimistischen "Wide Open" den Hörer aus der LP entlässt.

Eine Platte als Spiegel des Lebens und das von den Chemical Brothers? Sachen gibt’s.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-07-31 13:56:05
Letzte nderung am 2015-08-25 13:37:45



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