• vom 30.08.2015, 09:00 Uhr

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Pop-CD

Wenig Aufwand, viele Szenarien




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Von Bruno Jaschke

  • Lou Barlows drittes Soloalbum "Brace The Wave" überzeugt auch ohne großen Materialeinsatz: Lebenserfahrene Melancholie mit einnehmenden Melodien.

Mit charismatischer Stimme und zurückhaltend instrumentiertem Liedgut: US-Musiker Lou Barlow.

Mit charismatischer Stimme und zurückhaltend instrumentiertem Liedgut: US-Musiker Lou Barlow.© Foto: Rachel Enneking Mit charismatischer Stimme und zurückhaltend instrumentiertem Liedgut: US-Musiker Lou Barlow.© Foto: Rachel Enneking

Es gibt nicht viele Musiker, die ein dermaßen vielfältiges Arbeitsprofil aufweisen wie Lou Barlow. Stephin Merritt, der neben seiner Hauptband The Magnetic Fields noch The Gothic Archies, The 6ths oder die Future Bible Heroes betreibt und dazu noch sporadisch unter eigenem Namen veröffentlicht, fällt einem da ein. Vielleicht noch Alexis Taylor, der zu seiner Arbeit mit Hot Chip Soloplatten macht, im Roots-Projekt About Group werkt, regelmäßig mit dem Produzenten Justus Köhncke kooperiert und zum Stamm der Tour-"Supergruppe" Atomic Bomb! Band gehört.

Lou Barlow gibt’s kaum billiger: Sein Aktionsradius umfasst die Bands Dinosaur Jr., Sebadoh, The Folk Implosion und Solowerke. Das Besondere: Der 1966 in Ohio geborene Barlow kommt gewissermaßen aus der zweiten Reihe. Denn als Bassist der Noise-Rock-Pioniere Dinosaur Jr. war er Nebendarsteller im Schatten des diktatorischen Sängers und Gitarristen J Mascis.


Alternative Rock
Erst nach seinem Zerwürfnis mit Mascis und darauffolgendem Rausschmiss (1989) konnte Barlow sein Potenzial als Songschreiber und Sänger an die Öffentlichkeit bringen. Sein Trio Sebadoh, noch zu Dinosaur-Jr.-Zeiten gegründet, wuchs von einem Nebenprojekt zu einer profilierten Band, die sogar Maßstäbe setzte. Ihrer bewusst einfachen Aufnahmetechnik wegen als Lo-Fi-Indie-Rock prädiziert, wurden Sebadoh mit ihrer Mischung aus heftig heruntergebrettertem Rock und einem durch Barlows Gesang forcierten melodischen Appeal in den frühen 90er Jahren zu Protagonisten des damals maßgeblichen Alternative Rock.

Zu dieser Zeit startete Lou Barlow mit The Folk Implosion ein weiteres Projekt, das eigentlich einer experimentelleren Musiksprache vorbehalten war, ihm aber en passant seinen größten kommerziellen Erfolg bescherte: Die Single "Natural One", eine Auskoppelung aus dem (von Barlow kuratierten) Soundtrack zum kontroversen Film "Kids", schaffte es sowohl in den USA als auch in Großbritannien in die Top 40.

Seit dem Ende der 90er Jahre haben Sebadoh und The Folk Implosion nur mehr je eine LP gemacht. Dafür haben sich Dinosaur Jr. wiedervereinigt und drei hochgelobte Alben herausgebracht, zu denen Barlow je zwei Songs beisteuerte. Vor allem aber präsentiert sich Lou Barlow auch als Solist: 2005 wurde er mit seinem folk-poppigen Album "Emoh" vorstellig, dem 2009 das stilistisch versatilere "Goodnight Unknown" folgte. Dieser Tage erscheint sein dritter Longplayer, "Brace The Wave".

Wie Barlow in einem erläuternden Text zum Album schildert, knüpft es an frühe Stadien seiner Karriere an: Während seiner Zeit in Dinosaur Jr. nahm er mit einer tiefergestimmten und dicker als gewöhnlich besaiteten Ukulele Songs auf, die er als Sentridoh auf Kassette veröffentlichte. Für einige Songs auf der neuen Platte hat Barlow auf dieses spezielle Tuning seiner Ukulele zurückgegriffen, andere wurden live im Studio geschrieben.

Das indiziert bereits, dass Barlow - solo in augen- und ohrenfälligem Gegensatz zu seinen Bands alles andere als laut - für "Brace The Wave" wenig Aufwand für nötig erachtete. Tatsächlich kommt die Platte, ohne deshalb an Spannung zu verlieren, durchgehend ohne Schlagzeug und oft nur mit einer Gitarre oder eben Ukulele aus, baut in einigen Songs durch den Einsatz von E-Gitarren und Synthesizern aber auch durchaus Volumen auf. Doch nichts ist da, das sich Barlows Vortrag störend in den Weg stellt.

Sonorer Bariton
Barlow ist ein charismatischer Sänger, dessen sonorer, von lebenserfahrener Melancholie angewehter, in manchen Lagen ein wenig an Richard Thompson erinnernder Bariton auch eher unerfreulichen Inhalten etwas irgendwie Tröstliches verleiht.

"Brace The Wave" erzählt ziemlich umfassend von dem Geflecht aus Unabwägbarkeiten, Widersprüchen und dem Druck, in dem sich menschliche Existenz abspielt. Das gerät manchmal notwendigerweise etwas düster: "I dream the same thing all night / I wake up with my heart beside me", heißt es etwa in "Pulse", dessen Ich-Erzähler "at war with my body and mind" ist. Doch verwischen sich solche dunklen Punkte in der inspirierten Vielfalt der Szenarien. Und natürlich der einnehmenden Melodien.

Lou Barlow: Brace The Wave
(Domino Records/GoodToGo)


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-08-28 12:44:05
Letzte ─nderung am 2015-08-28 13:00:41



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