• vom 13.09.2015, 09:00 Uhr

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Pop

Durch dunkle und lichte Sphären




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Von Uwe Schütte

  • Zeitlos und gegenwärtig zugleich: Die verdiente US-Band Low lädt mit einem neuen Album zur musikalischen Exkursion durch ihren Soundkosmos.

Majestätischer Minimalismus, der zum aufmerksamen Zuhören zwingt: Das US-Trio Low veröffentlicht sein neues, insgesamt elftes Album: "Ones And Sixes". - © Zoran Orlic

Majestätischer Minimalismus, der zum aufmerksamen Zuhören zwingt: Das US-Trio Low veröffentlicht sein neues, insgesamt elftes Album: "Ones And Sixes". © Zoran Orlic

Um dem - seien wir ehrlich - letztlich (fast) immer Gleichen der Popmusik zu entkommen, gibt es nur zwei Alterna-
tiven: das Extreme und das Schöne. Während die Auswahl für Ersteres nicht gerade unbeträchtlich ist, gibt es für die zweite Kategorie eigentlich nur eine Option, nämlich Low. Und das mit einer Beständigkeit, die bereits über zwei Jahrzehnte reicht.

Wie bekannt, hat die Ehe von Mimi Parker und Alan Sparhawk im Laufe dieser Zeit einige Höhen und Tiefen mitgemacht, hinzugekommen waren vorübergehende Auszeiten von beiden Partnern. Aber trotz Depressionen und anderer Hürden haben sich die zwei Mormonen (plus wechselndem dritten Mann am Bass) immer wieder zusammengerauft und seit 1993 ein herausragendes Werk eingespielt. Dessen Trost spendende Schönheit hängt zweifellos auch mit ihrem starken Glauben zusammen, auch wenn man das als säkularer Pophörer vielleicht nicht gerne zugeben mag.


Hört man ihre betörende Ver-sion des Weihnachtsliedes "The Little Drummer Boy", möchte man den Kirchenaustritt sowieso auf der Stelle rückgängig machen. Und wer Stücke wie "Dinosaur Act" hören kann, ohne in Tränen der Ergriffenheit auszubrechen, hat schlichtweg kein Herz.

Das Label Slowcore, mit dem man die frühen Meisterwerke wie "Long Division" (1995) oder das anrührende "Secret Name" (1999) nicht zu Unrecht belegte, weist die Band heute von sich. Seit "Trust" (2002) sind Low nicht nur "slow" sondern können auch laut und drängend werden, wie etwa ganz besonders auf dem Anti-Irakkrieg-Album "The Great Destroyer" von 2005.

Zwischen den Polen
Seitdem haben sie wieder ein paar Gänge zurückgeschaltet und pendeln effektvoll zwischen den Polen, wobei seit einiger Zeit auch elektronische Effekte dabei sind. Doch die lauten, harten Stellen verstärken ja nur die Schönheit der leisen, langsamen Passagen. Low erscheint, was die Insistenz auf die ruhige, abgebremste Musik betrifft, als ein veritabler Beweis für die These, dass der einzig effektive ästhetische Protest gegen eine Welt aus Beschleunigung und Gewalt das zerbrechlich Ephemere ist. Hypnotische Musik an der Grenze zum Verschwinden, aber eben kein Ambient-Gedudel zum Wohlfühlen. Gängige Indierock-Alben kann man nebenher laufen lassen, der majestätische Minimalismus von Low aber zwingt zum aufmerksamen Zuhören - und belohnt diese Mühe nicht wenig.

So auch bei "Ones And Sixes", Studioalbum Nummer elf und Nachfolger von "The Invisible Way" (2013), das Wilco-Supremo Jeff Tweedy produziert und im Studio seiner Band aufgenommen hatte. Diesmal entstand die Platte in Zusammenarbeit mit dem Produzenten BJ Burton und wurde in Justin Vernons (Bon Iver) Studio in Wisconsin aufgenommen. Merklich setzt sich Burton dabei vom klassischen Low-Sound ab, den der derzeit ja auch wieder eher traditionsbewusste Tweedy der Band zuletzt verpasst hatte.

"Ones And Sixes" setzt etwas stärker noch als sonst auf elektronische Effekte, wie besonders schön zu hören im programmatischen Opener "Gentle". Die träumerischen Vocals von Parker/Sparhawk werden dort unterlegt mit knisternder, elektronischer Perkussion und später übernimmt ein Elektrobass die Führung. Es ist beeindruckend, wie Low auch hier wieder einmal zeitlos und gegenwärtig zugleich klingen. Beim sehnsuchtsvollen "Lies" glaubt man während der Instrumentalpassagen fast, man würde Coldplay hören. Aber eben in einer emphatischen Weise, die die echten Coldplay seit ihrem Debüt nicht mehr erreicht haben.

Zentralstück der Platte ist das fast zehnminütige "Landslide", ein sanftes Monster von einem Song. Oder vielmehr eine musikalische Exkursion durch den Soundkosmos von Low, die durch dunkle wie lichte Sphären führt und Pausen von rasendem Stillstand macht, um dann stille wie mächtig donnernde Abschnitte zu durchschreiten, mal getrieben von Eile, dann wieder kontemplativ einhaltend. Mit seinen zwölf Tracks erweckt "Ones And Sixes" wieder einmal dieses merkwürdige Gefühl, dass Low ihre Songs nicht bloß runterspielen, sondern dass vielmehr die Musik sich durch die Band ereignet. Dass etwas zu uns spricht, das größer ist als die Musiker und wir Hörer.

Low: Ones And Sixes. (Sub Pop/Trost)




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-09-11 13:17:07
Letzte nderung am 2015-09-11 13:35:29



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