• vom 28.11.2015, 10:00 Uhr

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Kleine Wunder




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Von Gerald Schmickl

  • R&B- und Soul-Feierstunde: Das neue Album von Jamie Woon.



Der Flotteste ist er bekanntlich nicht. "Für mich ist es nicht ungewöhnlich, mal zwei Jahre an einem Song zu sitzen, bevor ich ihn fertigstelle", bekennt Jamie Woon freimütig. Wenn dabei freilich ein Song wie "Celebration" herauskommt, ist die Zeit jedenfalls nicht unnütz vertan. Eine Midtempo-Ballade in leichtem Schunkelrhythmus, die sich anhört, als hätte ihr Schöpfer den Goldenen Schnitt in der musikalischen Verortung seiner Sehnsüchte gefunden: perfekt austariert, mit einem grandiosen, gospeligen Refrain, dezent-funkigen Bläsersätzen - und der Gaststimme von Folk-Sänger Willy Mason, einem grummeligen Bergziegen-Organ.

Information

Jamie Woon
Making Time
(Polydor/Universal)


Eine wahre Feierstunde. Nicht die einzige, wenn auch die ausgelassenste auf dem neuen, stimmigen Album des englischen Sängers und Musikers, auf das man - nach dem Debüt "Mirrorwriting" (2011) - ganze vier Jahre warten musste. Dafür verströmt es nun eine heimelige Wärme, die James Blake - mit dem Woon früher oftmals verglichen worden war - selbst mit einer Batterie an Wärmelampen nicht hinbekäme.

Dubstep und nahezu alle digitalen Verfahren hat Jamie Woon auf "Making Time" sanft heruntergefahren; geblieben sind fette Bässe, akzentuierte Percussions, akustische Gitarren, wohliges R&B-Feeling und eine nun ganz auf Soul temperierte Stimme, die der Brite angenehm zurückhaltend einsetzt. Kein exaltiertes Schmachten, kein Flehen, sondern ein fast instrumental eingesetztes Dahinströmen und -atmen.

"Skin" und "Little Wonder" sind zwei exemplarische Nummern für diese Art von organischem Fließen. Kleine Wunder fürwahr. Nach eigener Angabe diesmal vor allem von Soulsänger D’Angelo (und dessen wuchtigen Comeback-Album "Black Mes-
siah") beeinflusst, finden sich auf Woons neuem Album aber auch angejazzte Arrangements, die eher an die feinziselierte Handschrift eines Donald Fagen und somit an Steely Dan erinnern.

"Making Time" und seinen vielen, sich oft erst allmählich öffnenden Reizen sollte man selbst genügend Zeit lassen, dann kommt man damit sehr gut durch die unerbittlich kälter werdenden Tage des Restjahres.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-11-26 17:41:08
Letzte ─nderung am 2015-11-26 18:02:23



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