• vom 02.12.2015, 15:58 Uhr

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Update: 04.12.2015, 09:35 Uhr

neues Album

Ein Geschenk für Feinde




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Von Andreas Rauschal

  • Pünktlich zum Weihnachtsgeschäft veröffentlichen Coldplay ihr Album "A Head Full Of Dreams".

Jetzt wieder (farben-)froh: Chris Martin (2. v. r.) und Kollegen wollen euphorisieren.

Jetzt wieder (farben-)froh: Chris Martin (2. v. r.) und Kollegen wollen euphorisieren.© Julia Kennedy Jetzt wieder (farben-)froh: Chris Martin (2. v. r.) und Kollegen wollen euphorisieren.© Julia Kennedy

Zuletzt leiden musste Chris Martin eigentlich erst im Vorjahr. Und dank des damals veröffentlichten Coldplay-Albums "Ghost Stories" litt auch das Publikum mit. Immerhin ging es darum, Martins Ehe-Aus mit Gwyneth Paltrow nach der in Celebrity-Kreisen gar nicht so kurzen Zeitspanne von zehn Jahren nicht nur privat mit der einen oder anderen Flasche Barolo, sondern auch öffentlich-künstlerisch mit Musik zu kompensieren. Das gelang zum einen angesichts der nur neun dabei entstandenen Songs offenbar relativ schnell. Zum anderen bekräftigte auch die Ankündigung eines betont positiven Nachfolgewerks pünktlich zum Weihnachtsgeschäft dieses Jahres (die Musikindustrie saniert sich nicht von allein) neben diesem Eindruck auch das alte Vorurteil, dem zufolge der britischen Band schlicht kein Median zwischen larmoyanten "Oh weh"-Balladen und euphorisierten Weltumarmungshymnen bekannt ist. Wie sollte dieser auch klingen? Womöglich subtil?!?

Mit Sufi-Mystik
"A Head Full Of Dreams" gönnt sich nur folgerichtig den Luxus, auf in Zeiten wie diesen eher schwer zu beschwörende Träume zu bauen. Songtiteln wie "Hymn For The Weekend", "Adventure Of A Lifetime", "Fun" oder "Amazing Day" gelingt dieses Unterfangen zumindest auf dem Papier. Und gleichfalls als erster Eindruck springt uns vom Cover die von der New-Age-Bewegung instrumentalisierte Blume des Lebens mit psychedelischer Note in extra Bunt ins Gesicht. Mit dem thematischen Überbau im Umfeld der persischen Sufi-Mystiker Rumi und Fariduddin Attar aus dem 12. und 13. Jahrhundert, die uns die Lehre von der Liebe als Hauptkraft des Universums oder die mystische Dichtung "Die Konferenz der Vögel" hinterlassen haben, geht Chris Martin allerdings nicht in die Tiefe. Stattdessen gibt er die heute auch esoterisch interessierte Rosamunde Pilcher des Kuschelrock, deren Ergüsse man jedem Unterstufenschüler als Tagebuchlyrik zurückschmeißen würde. Irgendwo im Bereich von "I mecht so gern landen" und "Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein" wird dabei auf exakt kein Klischee verzichtet.


Nachdem Coldplay sich 2011 im Verbund mit Rihanna erstmals für Formatradio-Elektronik geöffnet hatten und man sie mit den nach Kinderfasching klingenden EDM-Einheitsbeats aus der Avicii-Schule ("A Sky Full Of Stars") erst im Vorjahr ratlos beim Trendhoppen erleben musste, folgen auf "A Head Full Of Dreams" nun die nächsten Entgleisungen. Schließlich wird mit dem koproduzierenden norwegischen Produzentenduo Stargate hier zu einer weiteren Allzweckwaffe gegriffen, die Uniformität garantiert. Nicht von ungefähr hört sich das zum Après-Ski wedelnde Titelstück als künstlerische Bankrotterklärung eingangs in etwa gleich steril an wie die Signation einschlägiger TV-Angebote vom Format der "Brieflos-Show". Peter Rapp und die Zillertaler Gipfelzuzler erscheinen vor dem geistigen Auge.

Illustre Gäste
Mit einem Hidden Track versucht sich die Band im fantastilliardenfach gleich klingend produzierten Neo-R&B zum Cruisen durch Downtown. Gemeinsam mit Beyoncé als tendenziell unverschämt in den Hintergrund gemischter Gastsängerin wird R&B bei "Hymn For The Weekend" wiederum stärker durch die Coldplay-Brille ("Oh weh"-Ballade trifft Weltumarmungshymne!) gedeutet. Martins Exfrau, Barack Obama und der nun auch unter Hardcore-Fans nicht mehr als cool geltende Ex-Oasis-Songwriter Noel Gallagher haben Gastauftritte. Dazwischen hört man die La-Le-Lu-Texte Martins sehr oft nur von an Bono geschulten "Heey-oooh"-Gesängen für die Mehrzweckhalle unterbrochen.

Ein hier zitierter Sinnspruch des Sufi-Mystikers Rumi geht übrigens so: "Be grateful for whoever comes. Because each has been sent as a guide." Spätestens wenn Coldplay bei "Up&Up" zum letzten Mal für dieses Album nach einer (noch dazu schlechten) Coldplay-Coverband klingen, bezweifelt man ihn.

Coldplay: A Head Full Of Dreams


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-12-02 16:02:06
Letzte nderung am 2015-12-04 09:35:58



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