• vom 10.12.2015, 17:02 Uhr

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Update: 11.12.2015, 12:47 Uhr

Popkritik

Männer, die dem Dröhnen frönen




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Von Andreas Rauschal

  • Die Orgien-Mysterien-Mönche Sunn O))) und "Kannon", ihr erstes Soloalbum seit 2009.

Meditation trifft Repetition: Stephen O’Malley und Greg Anderson alias Sunn O))).

Meditation trifft Repetition: Stephen O’Malley und Greg Anderson alias Sunn O))). Meditation trifft Repetition: Stephen O’Malley und Greg Anderson alias Sunn O))).

Erst im Oktober 2014 lieferten Sunn O))) gemeinsam mit dem ehemaligen Schlagerpop-Sänger der Walker Brothers, dem auch als Jacques-Brel-Deuter in Erscheinung getretenen späteren US-Avantgarde-Musiker Scott Walker, nichts weniger als ein Album des Jahres: Auf "Soused" verbanden sich die musikalisch zwischen entrücktem Markant-Gesang und der Geräuschkulisse einer Folterkammer ankernden Angstwelten Walkers mit der zähen Drone-Metal-Magma, für die eine ergebene Anhängerschaft Stephen O’Malley und Greg Anderson seit 15 Jahren verehrt.

Gemeinsam als Orgien-Mysterien-theatralisch in Mönchskutten auftretendes Kernduo Sunn O))) steht die Unternehmung für Zeitlupenmusik in Tinnitus erzeugender Lautstärke (Höranweisung: "Maximum volume yields maximum results"), die mit grubentief gestimmten E-Gitarren, übersteuernden Bass-Drones und zunehmend auch Effektgerät-Geschraube als atmosphärischem Beiwerk nicht nur die Verstärkerboxen zum Glühen bringt. Man hörte hier immer auch schon Musik, die unmittelbar körperlich wirkte und neben unseren Ohren ("pfffff-iiiiits!") per Frequenzmassage auch den Bauchbereich adressierte. Von der Nebenwirkung dramatisch aufgestellter Frisuren bei Live-Konzerten jetzt einmal ganz abgesehen.

Gutturales Gegurgel

Information

Sunn O))): Kannon (Southern Lord/Trost)

Als Missionare der harten Zunft führt das mit Nebenprojekten wie Khanate, Burning Witch, KTL oder den heuer glorreich wiederauferstandenen Goatsnake eigentlich bestens ausgelastete Doppel auch noch sein eigenes Label (Southern Lord). Wie sich das angesichts einer künstlerischen Fernbeziehung zwischen den USA und Europa alles ausgeht, bleibt nicht das einzige Geheimnis der Band. Außer einer ästhetischen Ausdehnung des Wirkungsgrades brachten die Kollaborationen der vergangenen Jahre (neben Scott Walker sind auch Boris aus Japan, die norwegischen Eklektiker Ulver oder persönliche Helden wie Earth zu nennen) nicht zuletzt weiteren organisatorischen Mehraufwand mit sich.

Mit "Kannon", ihrem ersten "Solo"-Album seit 2009, präsentieren Sunn O))) nun aber ohnehin wieder eine Lehrstunde ihrer zwischen Meditation und Repetition auf die Essenz reduzierten Kunst. Diese wird zwar erneut groß und mächtig im Sinne von episch und monolithisch erklingen. Sie hält sich mit drei Stücken in nur 30 Spielminuten aber auch formal knapp wie selten und präsentiert O’Malley und Anderson, unterstützt durch den auch für Arbeiten auf Peter Rehbergs Editions Mego bekannten Multiinstrumentalisten Oren Ambarchi, als Männer, die dem Dröhnen frönen.

Konzeptionell inspiriert von der gleichnamigen buddhistischen Gottheit des Mitgefühls, ermöglicht gleich der erste Akt von "Kannon" wunschlos dunkel gestimmte wie sonisch grundschöne Glückseligkeit. Attila Csihar als beigezogener Gast-"Sänger" vertraut dazu auf ein gutturales Gegurgel und kehliges Gurren.

Bereits mit dem schwer dräuenden und kalt wie der Wind über die finnische Tundra peitschenden Nachfolger regiert aber bereits wieder jener auf Orgien-Mysterien-Theater gestimmte Choralgesang, der im großen Finale bestens mit Akkorden korrespondiert, die wie Schicksalsschläge vom Kirchturm her dem Ende entgegenläuten.

Die Augen sind bettschwer, Weihrauch steigt auf. In Zeitlupe spendet die Gottheit ihren seltsamen Frieden.



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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-12-10 17:05:07
Letzte nderung am 2015-12-11 12:47:25



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