• vom 07.02.2016, 10:00 Uhr

CDs


Pop-CD

Besser als jede Therapie




  • Artikel
  • Lesenswert (2)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Heimo Mürzl

  • Mit seinem neuen Solo-Album erfüllt Jason Collett gleich mehrere Wünsche.

Schreibt einnehmende Songs, deren Texte auch so manchen Giftpfeil abschießen: Jason Collett.

Schreibt einnehmende Songs, deren Texte auch so manchen Giftpfeil abschießen: Jason Collett.© Isis Essery Schreibt einnehmende Songs, deren Texte auch so manchen Giftpfeil abschießen: Jason Collett.© Isis Essery

Der kanadische Singer-Song- writer Jason Collett, Mitglied des Indie-Kollektivs Broken Social Scene, tritt mit seinem mittlerweile sechsten Soloalbum, "Song And Dance Man", endgültig aus dem Schatten der Supergroup aus Toronto und folgt den erfolgreichen Solopfaden seiner Kolleg(inn)en Leslie Feist und Kevin Drew. Hört man dieses Album, hat man das Gefühl, der smarte Musiker hat endlich genau die Platte gemacht, die er schon immer machen wollte, ganz gemäß seinem Motto, "die Mühen des Alltags zu überwinden, indem man etwas Schönes und Zeitloses erschafft".

"Mister Zuversicht"

Damit, dass seine Soloarbeiten nie die Aufmerksamkeit erhielten, die sie verdient hätten, hatte "Mister Zuversicht" kein Problem. "Ich sehe keinerlei Zusammenhang zwischen der Qualität meiner Alben und dem Erfolg, den sie hatten", sagte Collett einmal selbstbewusst. Auf "Song And Dance Man" beweist der Mann mit stilvoll-eleganter Beiläufigkeit, wie charmant, beglückend und lebensbejahend Popmusik im Jahr 2016 klingen kann.

Der Optimismus, den die Musik vermittelt, hebt sich wohltuend vom Schaffen der in großer Zahl vorhandenen Schmerzensmänner und Klageweiber der Branche ab und wirkt besser als jede Therapiesitzung. Die Songs schmeicheln sich langsam, aber dafür umso eindrücklicher ins Herz und in die Gehörgänge, sie sind auf unbeschwert-unaufdringliche Art eingängig und eignen sich auf vortreffliche Weise als musikalisches Antidepressivum.

Information

Jason Collett

Song And Dance Man

(Arts & Crafts/Rough Trade)

Bereits früher hatte Collett mit schwerelos-poporientierten Produktionen das Gefühl und die Identifikationsbereitschaft des Hörers angesprochen - nun ergänzt er seine Musik bei aller ausgewogenen Lässigkeit um eine Prise mehr Ambition und schafft so ein kleines, kaum zu überhörendes Meisterwerk der ausgeruht-klassischen Songwriterkunst. Jason Collett bedient sich bei den dreizehn makellosen Songs so beiläufig wie souverän bei Americana, Folkrock, Country, Westcoast- und 70er-Jahre-Poprock, und er kann musikalische Vorbilder wie Bob Dylan, Nick Lowe, Tom Petty, Bryan Ferry und Jonathan Richman gleichfalls nicht verleugnen.

Die große Kunst Colletts besteht darin, dass er aus all den stilistischen Versatzstücken und musikalischen Traditionen etwas ganz Eigenständiges kreiert - er kopiert nicht, sondern verdichtet, verfeinert und ergänzt. Gut gelaunt, aufgeräumt und charmant interpretiert er Songs, die sich viel einfacher und kleiner geben, als sie es in Wahrheit sind. Diese Musik klingt beim ersten Hördurchgang retro - wobei Witz, Wärme und emotionale Tiefe perfekt in Balance gesetzt sind. Das ist Pophandwerk, das schwungvoll und unprätentiös Tradition und Moderne vereint. Und Collett hat nicht nur ein besonderes Händchen für einnehmende Songs, sondern erweist sich in seinen Texten auch immer wieder als lakonisch-lässiger Chronist menschlicher Befindlichkeiten zwischen Liebe, Lust und Trennungsschmerz.

Dylan-Tonfall

Die Irrungen und Wirrungen der Menschen im Allgemeinen und die seiner kanadischen Landsleute im Besonderen nimmt er mit feinem Humor und spitzbübischer Bosheit aufs Korn und platziert, immer freundlich lächelnd, so manchen Giftpfeil in seinen Texten.

Das Titelstück von "Song And Dance Man" überzeugt allerdings als Feel-Good-Song, der mit lässigem Groove und mitreißendem Beat als Hit gelten könnte, wenn dieses Wort nicht zu unpassend wäre für einen Musiker, der sich um kommerzielle Erfolge nicht kümmert. "Provincial Blues" wiederum, der Opener des Albums, reflektiert auf nonchalante Art das Wechselspiel von Hoffnungen und Enttäuschungen im allerbesten Dylan-Tonfall, während "Forever Young Is Getting Old" dem Gefühl der Vergänglichkeit mit unbeschwertem Pfeifen und fröhlichen Background-Chören begegnet. Witz, Charme, tolle Songs, Hingabe und Tiefgang - Jason Collett erfüllt mit diesem Album gleich viele Wünsche auf einmal.





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-02-05 16:29:07
Letzte ─nderung am 2016-02-05 16:44:39



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Der Nächste, bitte
  2. Höchste Gefühle
  3. Bruckner als Kraftwalze
  4. Bob Dylan kommt nach Österreich
  5. Kleine Stimme, große Kunst
Meistkommentiert
  1. Mit indignierter Distanz
  2. Johnny Hallyday tot
  3. Kleine Stimme, große Kunst
  4. Bruckner als Kraftwalze

Werbung



CD Klassik

CD

Benjamin Appl: Heimat. Sony Classical, 1 CD, ca. 14 Euro. (os) Wer in die Vorarlberger Lied-Mekkas reist, konnte schon Bekanntschaft mit Benjamin Appl schließen. Sonst ist der junge... weiter




CD-Kritik

Wiener Philharmoniker: 175th Anniversary Edition

Wr. Philharmoniker: 175th Anniversary Edition. DG, 44 CD, 1 DVD, ca. 149 Euro. (os) Zum 170. Geburtstag gab es eine Box mit ausschließlich Symphonien aus dem Aufnahmefundus der Deutschen Grammophon... weiter





Pop-CDs

9 / A B C D E F G H I J K L M N O P R S T U V W Z



Werbung


Werbung