• vom 19.03.2016, 13:00 Uhr

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Update: 21.03.2016, 10:41 Uhr

Françoiz Breut

Aus einem traumhaften Kosmos




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Von Andreas Wirthensohn

  • Bristol trifft Brüssel, Melancholie trifft Märchenhaftes: Françoiz Breut veröffentlicht "Zoo", ihr von Portishead-Mann Adrian Utley produziertes neues Album.

Französin abseits gängiger Chanson-Pfade: Françoiz Breut singt über den Zoo, den Garten Eden und eine mythische Begegnung mit einer Schäferin.

Französin abseits gängiger Chanson-Pfade: Françoiz Breut singt über den Zoo, den Garten Eden und eine mythische Begegnung mit einer Schäferin.© Jérôme Sevrette Französin abseits gängiger Chanson-Pfade: Françoiz Breut singt über den Zoo, den Garten Eden und eine mythische Begegnung mit einer Schäferin.© Jérôme Sevrette

Es ist seltsam, aber der kulturelle Graben zwischen Frankreich und dem deutschsprachigen Raum ist noch immer erstaunlich tief. Während etwa jeder viertklassige schwedische Krimiautor ins Deutsche übersetzt und irgendwann garantiert mit Mankells Wallander in Verbindung gebracht wird, harren jenseits des Rheins jede Menge "romans policiers" der Entdeckung - offenbar vergeblich, denn Frankreich-Krimis schreiben wir lieber gleich selber, so wie ein Herr Bannalec, der sich als Bretone ausgibt, in Wirklichkeit aber einen nicht ganz unbedeutenden deutschen Verlag leitet.

Auch in der Musik schaffen es nur wenige französische Künstler erfolgreich über die Grenze. Vieles ist bei uns nur als Importware erhältlich - z.B. die jüngsten großartigen Alben des ehemaligen Noir-Désir-Sängers Bertrand Cantat, der jetzt unter dem Namen Détroit wieder Musik macht.


Nouvelle Chanson
Selbst Benjamin Biolay, seit Jahren einer der produktivsten Songwriter, erfreute sich bei uns allenfalls kurzzeitig der Beachtung, die er verdient. Diese Diskrepanz mag mit der spezifisch französischen Chanson-Tradition zu tun haben, an die viele jüngere Künstler immer noch mehr oder weniger produktiv und spielerisch anknüpfen, es ist vermutlich auch der größeren sprachlichen Ferne geschuldet, aber wirklich schlüssig erklären lässt es sich nicht.

Auch bei Françoiz Breut, 1969 in der Normandie geboren, dauerte es etwas, bis ihre Alben bei uns erschienen. Ihr selbstbetiteltes Debüt 1997 und der Zweitling "Vingt à trente mille jours" (2000) blieben uns noch verwehrt. Erst als sich das verdienstvolle Kölner Label Le Pop ihrer annahm und sie zunächst auf einem ihrer Sampler und dann ihr Album "Une saison volée" (2005) veröffentlichte, wurde sie als Vertreterin des Nouvelle Chanson auch hierzulande wahrgenommen. Hilfreich war dabei sicherlich, dass sich die Wüstenrock-Ikonen Calexico ihrer angenommen hatten. Sie coverten ihre Songs "Ma colère" und "Si tu disais", und 2004/05 durfte Breut dann mit den Männern um Joey Burns einige Europa-Konzerte bestreiten. Giant-Sand-Kopf Howe Gelb packte seine Verehrung sogar in einen eigenen Song: "Letter To Françoise".

Trotzdem stand die Sängerin, die seit Jahren in Brüssel lebt, stets im Schatten anderer Diseusen: etwa Chiara Mastroianni, Coralie Clément und natürlich der einstigen Präsidentengattin Carla Bruni. Vielleicht fehlte ihr das lolitahaft-sinnliche Gehauche, das offenbar zum Standardrepertoire vieler dieser Neu-Chansonnièren gehört und dem Klischee "typisch französisch" entspricht.

Dabei hat Françoiz Breut durchaus etwas Kindliches an sich, und vielleicht ist es kein Zufall, dass sie neben der Musik auch Kinderbücher illustriert. Aber bei ihr mündet das nicht in betuliches Liebesgesäusel, sondern entführt in einen musikalischen Kosmos, der etwas Traumhaftes, Fantastisches, Geheimnisvolles an sich hat. Das hat nicht nur mit den Texten zu tun, die Françoiz Breut selbst schreibt und die auf dem neuen Album u.a. dem Tanz der Schatten, dem Garten Eden, dem titelgebenden Zoo oder der mythischen Begegnung mit einer Schäferin gewidmet sind. Auch ihre Stimme, die oft eher einem Sprechgesang gleicht, und die abseits gängiger Chanson-Pfade instrumentierten Songs verleihen ihrer Musik eine höchst eigenwillige Note.

Filigran-diffizil
Mit "Zoo" betritt die Normannin nicht zum ersten Mal Neuland. Produziert wurde das Album nämlich von Portishead-Gitarrist Adrian Utley, und der hat den elf Songs eine mal mehr, mal weniger spürbare Trip-Hop-Note gegeben - freilich nicht mit rein elektronischen Mitteln, sondern in erster Linie über das reduzierte, aber sehr markante Gitarrenspiel von Stéphane Daubersy und eine sehr filigran-diffizile Rhythmussektion. Das zeigt gleich der Opener "La conquête" und trägt vor allem in der zweiten Hälfte bemerkenswerte Früchte.

Der Titelsong "A Pic" oder auch "La proie" verbinden auf feinste Weise Bristol und Brüssel, Melancholie und Märchenhaftes. Musikalisch hat sich der Weg auf die Insel auf alle Fälle gelohnt. Vielleicht wird er ja zum lohnenden Umweg, um endlich auch bei uns die gebührende Aufmerksamkeit zu finden.

Françoiz Breut

Zoo

(Le Pop/Groove Attack)




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-03-18 14:59:05
Letzte ─nderung am 2016-03-21 10:41:06



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