• vom 04.06.2016, 14:30 Uhr

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Update: 04.06.2016, 15:18 Uhr

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Musikalische Entdeckungsreise




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Von Uwe Schütte

  • Im Alter von 74 Jahren legt Paul Simon sein 13. Studioalbum vor. Als in Würde gealterter Pensionist singt er darauf mit unverändert jugendlicher Stimme.

Songwriting mit Versatzstücken von popfremden Rhythmen: Paul Simons Album "Stranger To Stranger".

Songwriting mit Versatzstücken von popfremden Rhythmen: Paul Simons Album "Stranger To Stranger".© Universal Music/Myrna Suarez Songwriting mit Versatzstücken von popfremden Rhythmen: Paul Simons Album "Stranger To Stranger".© Universal Music/Myrna Suarez

Dass eine Haudegen-Truppe wie die Rolling Stones ewig weitermachen und wohl noch aus dem Grab heraus Platten auf den Markt werfen wird, versteht sich eigentlich von selbst. Dass jedoch ein Künstler wie Paul Simon mit seinen immerhin 74 Jahren nun sein 13. Soloalbum vorlegt, ist alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Vielmehr ist es ein Glücksfall, insbesondere für seine altgedienten Fans, denn neue Hörerschichten unter den jüngeren Semestern wird der in Würde gealterte Pensionist kaum noch gewinnen können. Daher eines vorweg: "Stranger To Stranger" ist einfach ein schönes Paul-Simon-Album, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Enttäuscht davon wird nur sein, wer wieder einen Meilenstein wie "Graceland" von 1986 oder ein grandioses Alterswerk wie "Surprise" (2006) haben wollte.

Popkulturelle DNA

Information

Paul Simon
Stranger To Stranger
(Universal Music)

Blickt man zurück, scheint es kaum vorstellbar, dass "The Sound Of Silence" vor mehr als einem halben Jahrhundert erschienen ist. Wer das Stück zum ersten Mal hört, kann aufgrund der zeitlosen Melodie auch kaum annehmen, dass es sich um die Komposition eines 21-Jährigen handelt, der das Lied in einem abgedunkelten Badezimmer geschrieben hat. Auch solche Klassiker von Simon & Garfunkel wie "The Boxer" oder "Bridge Over Troubled Water" sind ja derartig eingebrannt in unsere popkuturelle DNA, dass man sie mittlerweile für veritable Volkslieder halten könnte.

Dass Simon seinen wuschelköpfigen Gesangspartner nicht brauchte, zeigten die Soloalben, die ab 1970, nach dem Ende von Simon & Garfunkel, erschienen. Was deren unnachahmliche Qualität ausmacht, ist die Verbindung der fast wie am Fließband produzierten zeitlosen Melodien mit spürbar autobiografischen Erfahrungen, zumal den verschiedenen Ehekrisen, die Simon durchgemacht hat. Man denke nur an solch vor stiller Schönheit leuchtende Platten wie das melancholische "Still Crazy After All These Years" (1975) oder das bekenntnishafte "Hearts And Bones" (1983). Dazwischen gab es freilich auch schwächere Platten wie etwa das 1980 erschienene "One-Trick Pony", die jedoch wiederum Evergreens wie "Late In The Evening" enthielten.

Den Höhepunkt seiner Solokarriere landete Simon 1986 mit "Graceland", auf dem sich neben "You Can Call Me Al" wenigstes noch zwei weitere Hits für die Ewigkeit befinden. Natürlich hatten manche erbitterten Kritiker durchaus Recht mit dem Vorwurf, seine Missachtung des kulturellen Boykotts des Apartheid-Regimes schwäche den Kampf gegen den südafrikanischen Rassismus, doch kann man in solch verfahrenen Gemengelagen wie der damaligen Situation ohnehin nichts absolut richtig machen. Die Proteste gegen Simon flammten anlässlich des Konzerts zum 25. Jubiläum des Albums in London noch einmal auf, wobei dieselben Aktivisten, die ihn unverändert attackierten, zu der endemischen Korruption im ANC und der Misswirtschaft in Südafrika allerdings keine kritischen Worte fanden.

Abgesehen von dem von Brian Eno meisterlich produzierten Überraschungsalbum "Surprise" war die musikalische Ausbeute nach "Graceland" eher bescheiden.

Kernstärke

Eine Ausnahme bedeutete "So Beautiful Or So What" von 2011. "Stranger To Stranger" knüpft an diesen Vorgänger nahtlos an, indem Simon sich erneut auf seine Kernstärke eines Songwritings verlässt, das mit Versatzstücken von popfremden Rhythmen spielt. Das Album beginnt mit einer jaulenden, dreimal gezupften Gitarrensaite, es folgt mit "The Werewolf" ein heruntergebremster Flamenco.

In "Street Angel" lässt Simon die Drums eine polyrhythmische Sprache sprechen und unterlegt das sehr fein mit rückwärts abgespieltem Gospelgesang. Der getragene Titeltrack wiederum gibt den sensibel gespielten Gitarren den Vorrang, die auch auf den beiden kurzen Instrumentals an vorderster Stelle erklingen. "Proof Of Love" bringt die brasilianische Atmosphäre von "The Rhythm Of The Saints" von 1990 zurück, während auf "Cool Papa Bell" der Calypso seine fröhliche Fratze zeigt. Kurzum: Kopfhörer auf und, geleitet von Paul Simons unverändert jugendlicher Stimme, auf eine wundervolle musikalische Entdeckungsreise um die Welt gehen.



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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-06-03 14:44:04
Letzte ─nderung am 2016-06-04 15:18:53



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