• vom 25.04.2008, 14:14 Uhr

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Update: 25.04.2008, 14:49 Uhr

Pop-CD

Portishead: Third




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Von Judith Regner

  • Einsamste Stimme der Popwelt
  • Knapp zehn Jahre nach ihrer letzten Platte verscheuchen Portishead mit verstörenden Klängen die Geister ihrer Trip Hop-Vergangenheit.

Keine Lust mehr auf Fondue: Portishead. Foto: Benoit Peverelli/Universal

Keine Lust mehr auf Fondue: Portishead. Foto: Benoit Peverelli/Universal Keine Lust mehr auf Fondue: Portishead. Foto: Benoit Peverelli/Universal

Müsste man die Anfangsjahre des Trios Portishead mit einer Farbe gleichsetzen, dann wäre es Blau. Tief blau war das Cover ihres ersten Albums, in blaues Licht tauchten sie die Bühne bei Auftritten - und ihr Sound war das musikalische Pendant zu dieser Farbe: kühl und entspannt. Damit verkörperte ihre Musik Mitte der neunziger Jahre den Gegenpol zu lauten Gitarrenbands. Als Portishead auftauchten, folgten in den USA Bands wie Nirvana oder Pearl Jam traditionellen Rockmustern, während britische Gruppen den Beatles oder Kinks nacheiferten. Die Klangwelt von Portishead war eine andere: sie setzte sich zusammen aus schleppenden Beats, Klangschnipsel aus dem Jazz- und Reggae-Fundus, flirrenden Elektroimpulsen und alten Filmmusik-Samples. Über diesem Teppich aus recyceltem Soundmaterial klagte Beth Gibbons Gesang über Einsamkeit, Selbstzweifel und Entfremdung. Ihr 1994 veröffentlichtes Debüt "Dummy" war zwar nicht das erste Album dieser Art, zählt aber zu den bedeutendsten des neuen Elektrosounds, für den gefinkelte Marketingstrategen schnell einen Namen hatten: Trip Hop. Doch die Kehrseite des Erfolges kam ebenfalls rasch: Immer mehr Bands tauchten auf, die die Stimme melancholischer Sängerinnen über dunklen Grooves schweben ließen und damit Fahrstuhlkabinen, Bars und Werbekampagnen beschallten.


Das Trio war vom Erfolg überfordert. Bandgründer Geoff Barrow sah ihre Songs zu "Musik für Fondue-Abende" verkommen. Sängerin Gibbons entzog sich dem medialen Hype auf ihre Weise, indem sie Interviews beharrlich verweigerte. Während Barrow, Gibbons und Gitarrist Adrian Utley mühsam am zweiten Album arbeiteten, jenem Prüfstein, der zwischen kreativer Eintagsfliege und ernstzunehmendem Künstler entscheidet, wanderte Trip Hop in die hinteren Reihen der Popmusikgeschichte. "Alter Wein in neuen Schläuchen", unkte das Gros der Kritiker, als die Musiker drei Jahre nach "Dummy" den Nachfolger "Portishead" herausbrachten.

1998 folgte mit "Roseland NYC live" ein auf Platte konservierter Mitschnitt eines New Yorker Konzertes. Danach ging man getrennte Wege, blieb aber in Kontakt. Ein Treffen in Sydney, um über neue Projekte zu sprechen, endet in Frustration. Welche musikalische Richtung sollte einschlagen werden, ohne sich zu wiederholen, aber die alte Identität zu bewahren? 2004 beginnen Portishead am dritten Studioalbum zu arbeiten. Ideen werden geboren und wieder verworfen. Nach zwei Jahren sind sieben Stücke fertig - zwölf Monate später sind es nur noch sechs. Eines wird der auferlegten Einschränkung geopfert, keine musikalischen Elemente zu verwenden, die man bereits auf den bisherigen Alben eingesetzt hat.

Vier Jahre später präsentiert das britische Trio mit "Third" nun das Ergebnis dieses schwierigen Entstehungsprozesses und durchbricht sein knapp zehnjähriges Schweigen ausgerechnet mit einem Eröffnungsstück namens "Silence". Drohend rollen wuchtige Beats heran, tauchen Streicherpassagen auf, um schnell wieder zu versiegen. Eine verzerrte Gitarre lässt die Spannung weiter ansteigen und nach knapp zwei Minuten singt Beth Gibbons, die einsamste Stimme der Popwelt, gegen die düstere Soundcollage an. Ein harter Cut beendet das Stück abrupt.

Ob Männerchor, Saxophonsolo, Orgeln oder rasche Rhythmenwechsel - "Third" will nichts vom weichgespülten Trip Hop-Sound übrig lassen. Die verträumte Melodie des Stücks "Hunter" zerhacken Elektronikspielereien. Das anfangs folkige "The Rip" kippt in der zweiten Hälfte in ein galoppierendes Synthesizer-Stück. Dass man sich, wie Barrow und Utley in Interviews erzählen, von experimenteller elektronischer Musik der siebziger Jahre inspirieren ließ, wird in "We carry on" am deutlichsten hörbar: monoton pumpende Drums geben einen hypnotischen Rhythmus vor und sorgen für technoide Kälte. Digital frostig bleibt es auch in "Magic Doors" und "Nylon". Die Distanzierung vom behaglichen Portishead-Sound gipfelt in dem auf Beth Gibbons Stimme und Maschinengewehrsalven-Beat reduzierten "Machine Gun". Gibbons emotionaler Gesang bleibt die einzige Verbindung zum ätherischen Schönklang von früher. Anstatt sich in endlosen verträumten Soundschleifen zu verlieren, lauert nun hinter jedem lieblichen Klang ein Abgrund.

Portishead haben ihre Hintergrundmusik-Vergangenheit also ad acta gelegt. Durch diese radikale Abgrenzung vom bisherigen Schaffen braucht es für den Hörer zwar Zeit, um sich in den schroffen Soundlandschaften zurechtzufinden, aber die Ausdauer lohnt sich.

Portishead: Third. (Universal)




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Dokument erstellt am 2008-04-25 14:14:51
Letzte Änderung am 2008-04-25 14:49:00



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