• vom 11.08.2017, 11:00 Uhr

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Update: 17.08.2017, 08:42 Uhr

CD-Rezension

Süß verpackte bittere Pillen




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Von Francesco Campagner

  • Juliana Hatfield rechnet auf "Pussycat" mit US-Präsidenten Donald Trump ab.

Juliana Hafield: Pussycat

Juliana Hafield: Pussycat© American Laundromat Records Juliana Hafield: Pussycat© American Laundromat Records

US-Präsidenten können inspirierend wirken. Schon unter George W. Bush hatten etliche Künstler mit Songs gegen die Politik des Texaners protestiert. Neil Young publizierte das Album "Living With War" und forderte im Song "Let's Impeach the President" ein Amtsenthebungsverfahren gegen Bush. Mark Olson (The Jayhawks) und Victoria Williams sorgten als The Creekdippers mit dem Album "Political Manifesto" für mediale Aufregung. In einem Song ("Portrait Of A Sick America") drohten sie "Georgie" mit Prügel.

Information

Juliana Hafield: Pussycat (American Laundromat Records).

Einen ähnlichen kreativen Effekt löst auch Donald Trump aus. Schon während des US-Wahlkampfes hatten sich zahlreiche Künstler (darunter Aimee Mann und Death Cab for Cutie) am "30 Songs, 30 Days"-Projekt gegen den Immobilien-Tycoon beteiligt. Nun hat die Bostoner Singer/Songwriterin Juliana Hatfield ein ganzes Album zum Thema nachgereicht. Innerhalb von nur zwei Wochen nahm die Musikerin die Platte auf, deren Songs sie während der Wahlkampfphase geschrieben hatte. Dabei spielte sie mit Ausnahme des Schlagzeugs sogar alle Instrumente selbst ein.

"Pussycat", so der Titel der Platte, ist nicht nur die Abrechnung mit einer Person, sondern mit all dem, wofür Trump steht.
Hatfield scheut sich dabei auch nicht vor Tabus, greift Themen auf, die eine wichtige Rolle im US-Wahlkampf gespielt hatten, wie etwa die "Pussygrabbing"-Affäre oder die Potenzkundgebungen des nunmehrigen US-Präsidenten. Dabei mischt sich zu der Wut und Entrüstung auch viel Entsetzen und Nachdenklichkeit. Noch immer fragen sich viele, wie so ein Mann zum US-Präsidenten gewählt werden konnte. "I slept so well / down my quiet street / knowing we all cared about the same things", singt Hatfield. Doch die Zeiten sind vorbei, nun wurde eine Trennlinie gezogen, die das Land spaltet.

Gegen den wahr gewordenen Alptraum hat die Künstlerin einen simplen Ansatz: "Ich will deine Krankheit sein", singt sie im Opener der Platte, eine Erkrankung, gegen die man kein Gegenmittel kaufen kann. Gleichzeitig sehnt sich Hatfield nach ein wenig Normalität. "You think you’re right / i think you’re wrong / can we find some little thing in common to agree on", singt sie im "Impossible Song" - und gibt mit dem Songtitel gleich selbst die Antwort.

In "When You're A Star" geht es nicht nur um Donald T., sondern auch um andere bekannte Persönlichkeiten, wie etwa Bill Cosby, die unter Verdacht stehen, sich an Frauen vergangen zu haben: "Und wenn sie nicht still liegen bleibt / gib ihr ein Betäubungsmittel."

Trotz der ernsten Thematik sind die Songs melodisch und eingängig. Hatfield hat eine feines Händchen für poppige Melodien. Ein Rezensent hörte sogar Anklänge der Beatles auf der Platte. Hatfield hat die bitteren Pillen süß verpackt. Sie musste sich zwar die aufgestauten Emotionen von der Seele schreiben, "Pussycat" ist aber trotzdem zeitlos. Der Name Trump kommt kein einziges Mal in den Lyrics vor. Nur Melania, die illegale Immigrantin aus Slowenien, wird erwähnt und bemitleidet ("just close your eyes, honey / and try not to cry"). Wenig überraschend empfiehlt Hatfield dem  "Kurzfinger-Mann", er solle sich eine "Sex-Maschine" zulegen.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-08 13:36:00
Letzte nderung am 2017-08-17 08:42:38



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