• vom 12.11.2017, 12:00 Uhr

CDs


Pop-CD

Kalorienbomben und Fastenkuren




  • Artikel
  • Lesenswert (3)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Gerald Schmickl


    Verlässlich abwechslungsreich: die nicht uneitel benannten kanadischen Stars.

    Verlässlich abwechslungsreich: die nicht uneitel benannten kanadischen Stars. Verlässlich abwechslungsreich: die nicht uneitel benannten kanadischen Stars.

    Wenn vom kanadischen Popwunder schon länger nichts mehr zu hören und zu lesen war, liegt das vor allem daran, dass man sich mittlerweile daran gewöhnt hat, dass aus dem Norden des amerikanischen Kontinents ein beständiger Strom an gehaltvoller Musik fließt, der das globale Pop-Klima entscheidend mit beeinflusst und reguliert. Keine Wirbelstürme, kein Tsunami, keine Überwältigungswellen, dafür eine solide Zufuhr frischer Klänge und Töne. Das war heuer nicht anders als in den Jahren zuvor, wie die - vielfach bereits vorgestellten - teils passablen, teils famosen Alben von Arcade Fire, Broken Social Scene, Feist, Dears, Wooden Sky oder Destroyer zeigten.

    Im nunmehrigen Herbst gesellen sich die unverwüstlichen Stars hinzu, mit ihrem quicklebendigen Indie-Dance-Pop seit über 15 Jahren ein Garant für Beständigkeit. So auch auf "There Is No Love In Fluorescent Light", dem insgesamt achten Langalbum des Quintetts aus Toronto (jetzt in Montreal lebend). Die noch immer entzückend jungmädchenhaft klingende Stimme von Amy Millan darf sich mit dem kräftigeren virilen Organ von Torquil Campbell duettieren, durch zwölf abwechslungsreiche Songs hindurch, mal leichtfüßig-verspielt ("We Called It Love"), mal breitbeinig-stämmig ("The Maze").

    Hat sein Singer/Songwriter-Spektrum erfreulich erweitert: Jordan Klassen aus Vancouver.

    Hat sein Singer/Songwriter-Spektrum erfreulich erweitert: Jordan Klassen aus Vancouver. Hat sein Singer/Songwriter-Spektrum erfreulich erweitert: Jordan Klassen aus Vancouver.

    Von Vancouver herüber ertönt die knabenhaft-zarte Stimme von Jordan Klassen, der auf seinem neuen Album, "Big Intruder", eine breite Palette an Tönen und Klangfarben ausprobiert, was sein Singer/Songwriter-Spektrum wohltuend erweitert. Zwei Songs - beide von majestätischer Erhabenheit und melodiöser Raffinesse getragen - stechen besonders hervor: "Sylvia Plath Girl" und der Titeltrack, "Big Intruder" (mit einem überraschenden Tempowechsel und Zwischenspiel, dem man Klassens Verehrung von Paul McCartney deutlich anhört).

    Was für Kanada in Amerika, gilt für Skandinavien in Europa: Eine verlässliche nördliche Region, voller kleiner, feiner Pop-Manufakturen. Mehr als ein Bruder im Geiste von Jordan Klassen ist hier etwa der Norweger Jonas Alaska, der mittlerweile im Jahresrhythmus beachtliche Alben herausbringt. Heuer, Ende Oktober, "Fear Is A Demon", das trotz seines titelgebenden Leit- bzw. Leidthemas, der Angst, über weite Strecken eine erstaunlich fröhlich klingende Songsammlung geworden ist. Nach dem Schreiben schnell und intuitiv (großteils selbst) eingespielt und aufgenommen, bleiben von den zehn Nummern einige wegen emotionaler Eindringlichkeit ("Love You Right"), einige wegen verführerischer und catchy tunes ("Diamond In The Shadow", ebenfalls von unüberhörbarer Beatles-Liebe durchströmt) in Erinnerung.

    An Emotionalität lässt es auch das schwedische Duo Grapell nicht fehlen. Nach einer EP und millionenfachen
    Streams daraus liegt nun, seit Anfang November, ihr Debütalbum "Crier" vor, das sich wie warme Zuckerwatte an Ohr und Gemüt schmiegt. Bei der ersten Singleauskoppelung, "No Longer Free", wird die Zudringlichkeit noch durch einen smoothen, funky Bläsersatz auf (v)erträgliche Distanz gehalten, während etwa "Torture By Recalling" einem in ungeschützter Weise nahe kommt und - ganz titeladäquat -zur Folter an der Tränendrüse ansetzt. Bei Kummer aller (aber besonders amouröser) Art diese Herzschmerz-Kalorienbombe bitte unerreichbar wegsperren!

    An Inbrunst lässt es auch der aus Göteborg stammende Musiker und Sänger Erik Fastén auf seinem Solo-Debüt "10 Songs"nicht fehlen, aber in reduzierter und entschlackter Form. Die zehn Lieder sind sparsamst instrumentierte, fein gehauchte, spinnweben-zarte Folk-Gespinste, die bei stärkerem Luftzug sogleich zu zerfallen drohen. Im November und in späten Nachtstunden bei funseliger Beleuchtung gut anhörbar, sind es buchstäblich Fasten-Kuren für überreizte Seelen, die solcherart auf heilsame Verzögerung heruntergedimmt werden.

    Temperamentvoller, vitaler und heller geht es der Däne Mangus Grilstad auf "The Greatest Story" an, dem zweiten Album seines eigenwillig benannten Projekts Heimatt. Darauf dominieren synthie-lastige Indiesounds in unterschiedlichen Intensitäts- und Forcierungsgraden. Grilstads ebenfalls sehr hohes Organ (singt eigentlich noch wer tief? Und wann gibt’s endlich das nächste Bill-Callahan-Album als Ausgleich zu all den Kopfstimmen?) reißt manchmal schmissig mit ("Cynical"), kann aber auch vorlaut nerven ("The Sound Of Light").

    Sehr hübsch ist die wie ein Radio auf Frequenzsuche melodisch dahinwummernde "Ouverture", die sich - lustig - in der Mitte des Albums befindet. Wenn es damit gleich endete, wär’s aber auch kein Fehler.





    Leserkommentare




    Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


    captcha Absenden

    * Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2017-11-10 16:26:06
    Letzte ńnderung am 2017-11-10 16:49:57



    Beliebte Inhalte

    Meistgelesen
    1. Lügen haben lange Nasen
    2. Don, der Gynäkologe
    3. Frühling mitten im Herbst
    4. Auf Worte folgen Taten
    5. Beyonce ist höchstbezahlte Musikerin 2017
    Meistkommentiert
    1. AC/DC-Gitarrist Malcolm Young ist tot
    2. Gipfelanalysen
    3. Zwischen Schönklang und Rebellion
    4. Don, der Gynäkologe

    Werbung



    CD Klassik

    CD

    Benjamin Appl: Heimat. Sony Classical, 1 CD, ca. 14 Euro. (os) Wer in die Vorarlberger Lied-Mekkas reist, konnte schon Bekanntschaft mit Benjamin Appl schließen. Sonst ist der junge... weiter




    CD-Kritik

    Wiener Philharmoniker: 175th Anniversary Edition

    Wr. Philharmoniker: 175th Anniversary Edition. DG, 44 CD, 1 DVD, ca. 149 Euro. (os) Zum 170. Geburtstag gab es eine Box mit ausschließlich Symphonien aus dem Aufnahmefundus der Deutschen Grammophon... weiter





    Pop-CDs

    9 / A B C D E F G H I J K L M N O P R S T U V W Z



    Werbung


    Werbung