• vom 09.05.2012, 20:12 Uhr

Klassik/Oper

Update: 09.05.2012, 20:12 Uhr
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Vor 50 Jahren markierte Wolfgang Fortners "Don Perlimplin" eine Etappe in der Auseinandersetzung

Krieg um die richtige Musik


Von Edwin Baumgartner

  • Die zweimalige Unterbrechung der Tradition wirkt bis heute nach.

Auch Maler wie Paul Klee (auf unserem Bild sein "Gartenhaus", 1929) geraten in den Modernismus-Debatten nach 1945 ins Kreuzfeuer der konservativen Kritiker. Während sich jedoch die moderne Kunst zu etablieren vermag, schafft es die moderne Oper nur in Ausnahmefällen. - © EPA

Auch Maler wie Paul Klee (auf unserem Bild sein "Gartenhaus", 1929) geraten in den Modernismus-Debatten nach 1945 ins Kreuzfeuer der konservativen Kritiker. Während sich jedoch die moderne Kunst zu etablieren vermag, schafft es die moderne Oper nur in Ausnahmefällen. © EPA

Auf den Tag genau 50 Jahre ist es her, da ging bei den Schwetzinger Festspielen Wolfgang Fortners Oper "In seinem Garten liebt Don Perlimplin Belisa" erstmals in Szene. Immer stärker schlägt das Pendel der deutschen Nachkriegsmusik in die Richtung Avantgarde aus. Die Konflikte zwischen Konservativen und Fortschrittlichen verschärfen sich. Fast scheint es, als wäre der deutschsprachige Raum im Krieg um die richtige Musik. Bis zum heutigen Tag sind die Auswirkungen speziell im Opernrepertoire spürbar.

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Die Auseinandersetzungen um die zeitgenössische Musik, die nirgendwo sonst in vergleichbarer Heftigkeit ausgetragen werden, wurzeln in der im deutschen Sprachraum zweimal unterbrochenen Tradition: Zuerst versuchen die Nationalsozialisten den Lauf der Musikgeschichte zu korrigieren; dann, nach 1945, sind es die Antifaschisten mit einer selektiven Wiedergutmachung einerseits und andererseits einer gezielten Verdrängung jener Komponisten, die im sogenannten Dritten Reich tätig waren, sofern sie nicht auf die Linie der Moderne einschwenken. Die Musik wird zum - vermeintlichen - Nachweis korrekter demokratischer Gesinnung.

Was ist "entartet"?
Die nationalsozialistische Kunstpolitik kennt zwei Gründe, die zum Verbot führen: Der Komponist ist Jude oder das Werk fällt unter die Rubrik "entartet". So absurd der Antisemitismus ist - die Feststellung, ob ein Künstler Jude ist oder nicht, ist wenigstens noch objektivierbar. Wenn es jedoch um die Frage geht, was genau "entartet" ist, schwimmen die Erfinder der Entartung selbst.

Da ist einerseits alles "entartet", was atonal und zwölftönig komponiert ist, schließlich war der Entdecker der Atonalität und der Erfinder der Zwölftontechnik der Jude Arnold Schönberg. Doch dessen ungeachtet fallen weder die auf zwölftöniger Basis komponierten Opern Paul von Klenaus unter das Verdikt noch die weitgehend atonale Oper "Penthesilea" von Othmar Schoeck.

Die Musik Paul Hindemiths hingegen wird als "entartet" erklärt, obwohl sie in ihrer knorrigen handwerklichen Redlichkeit den Vorgaben der nationalsozialistischen Ästhetik wesentlich besser entspräche als die bunt flackernde Strawinski-plus-Jazz-plus-Dekadenz-Mischung, mit der Werner Egk zu einem der gleichsam offiziellen Komponisten des Nationalsozialismus aufsteigt. Da es aber ohne Hindemith doch nicht so recht gehen mag, sind dem Regime seine Nachahmer wie Cesar Bresgen, Johann Nepomuk David und Harald Genzmer durchaus willkommen.

Nach 1945 sollen nun ästhetische Leitfäden für eine vom Nationalsozialismus gereinigte Musik gespannt werden, an denen es sich entlanghangeln lässt. Am brauchbarsten scheint die "Philosophie der neuen Musik" (1949) des deutschen Philosophen Theodor Wiesengrund Adorno zu sein.

Adorno jedoch ist parteiisch. Er war Schüler Alban Bergs und komponierte einige Stücke in einem avancierten Stil. Sein Blickwinkel ist mit Ausschließlichkeit der Schönbergs. Adorno postuliert, die Neue Musik habe Schönbergs Techniken zu folgen, andernfalls sei sie wertlos. Was bedeutet, dass auf Basis der traditionellen Harmonik keine bedeutende Musik mehr möglich ist. Adorno überträgt damit seine Aussage "nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch" auf die Syntax der Musik: Nicht nur Gedichte sind nach Auschwitz barbarisch, sondern auch Tonalität und einprägsame Melodie.

Diesem Diktum ordnen sich sowohl jene Kritiker unter, die sich als fortschrittlich einstufen, als auch die Direktoren der Opernhäuser. Sogar die Wiedergutmachung an den jüdischen Komponisten fällt selektiv aus: Erfolgskomponisten der Zwanzigerjahre wie Hans Gál, Erich Wolfgang Korngold oder Franz Schreker bleiben in den Schubladen liegen, in die sie von den Nationalsozialisten hineingezwungen wurden. Dafür bemüht man sich um die Opern Alban Bergs, der zwar kein Jude war, aber mit "Wozzeck" eine taugliche atonale und mit "Lulu" eine taugliche zwölftönige Oper komponiert hatte. Und man fördert neue Opern, sofern sie auf der Basis der Zwölftontechnik komponiert sind.

Jüngste Sünden
Was Komponisten bisweilen zu den erstaunlichsten Volten veranlasst. Fortner etwa, ehemals Leiter des Bannorchesters der Hitler-Jugend Heidelberg und, seit er 1939 einen Aufnahmeantrag gestellt hatte, NSDAP-Mitglied mit der Parteinummer 7.818.245, wandelt sich vom Verfertiger tonaler Stücke in NS-Ästhetik zum Bannerträger der Zwölftontechnik und stilisiert sich zum Gewissen der deutschen Neuen Musik.

Er und seine künstlerischen wie publizistischen Gefährten bekämpfen alle tonale Musik - vor allem aber, wenn sie beim Publikum Erfolg hat. Ein Erfolg auf konservativer Basis darf nicht sein. Stellt er sich dennoch ein, wird in der Vergangenheit des Komponisten geforscht; und während etwa der zur Avantgarde bekehrte Winfried Zillig mit Stillschweigen amnestiert wird für seine im NSDAP-Auftrag angefertigte Musik zum "Sommernachtstraum", geschrieben, um Shakespeares Stück von Felix Mendelssohn-Bartholdy zu reinigen, sozusagen zu arisieren, schnüffelt man nach den nazistischen Umtrieben von Mark Lothar oder Werner Egk.




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Musik

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-05-09 19:11:06
Letzte Änderung am 2012-05-09 20:12:13


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