Kann und darf man in der Wiener Staatsoper Liederabende veranstalten? Jedenfalls dann, wenn ein Ausnahmekünstler wie Matthias Goerne mit seiner Persönlichkeit, seiner Stimmgewalt und seiner Gestaltungskraft den Riesenraum zu füllen vermag.
In seiner eigenständigen Programmwahl verschränkten sich auf spannende Weise Lieder von Gustav Mahler und Dmitri Schostakowitsch zu einer durchdachten Abfolge. Von Mahler waren es einzelne Piècen aus den Rückert-, Wunderhorn- und Kindertotenliedern, vom russischen Meister Teile seiner - nur ein Jahr vor dem eigenen Tod vollendeten - "Michelangelo-Suite" op. 145 in der Originalsprache. Eigenartig wirkte hier der Kontrast zwischen der ausdrucksvollen Führung der Singstimme und dem seltsam ausgedünnten Klavierpart. Umso bedeutungsvoller behauptete sich daneben die reiche Fülle der Mahler-Lieder.
Überwältigende Farben
Überwältigend die Vielfalt der Farben, die Goerne seinem viril timbrierten Bariton abforderte: Das bewegte sich zwischen der fahlen, doch tragfähigen Tiefe und einer Höhe, die alle Möglichkeiten von raffinierter Voix mixte, wohlgerundetem Piano und mächtig orgelndem Forte ausschöpfte. Gekrönt wurde das alles von tiefempfundener Expressivität der Textgestaltung; unvergesslich das ersterbende "Gute Nacht!" am Ende von Gustav Mahlers "Tambourgsell".
Eine Luxusbesetzung war Leif Ove Andsnes am Klavier. Goernes Üppigkeit setzte er sein klar konturiertes, unsentimentales Spiel entgegen. Ein großer Abend!
Konzert
Matthias Goerne (Bariton)
Leif Ove Andsnes (Klavier)
Wiener Staatsoper
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