
Selbst geniale Musik konnte manche Oper nicht vor der Bedeutungslosigkeit bewahren, wie der Fall von Giuseppe Verdis "I due Foscari" zeigt. Dieses frühe Werk aus Verdis "Galeerenjahren" verfügt zweifellos über jene Emotionalität, wie sie für eine große Oper gefordert wird, transportiert aber keine klare, vordergründige Botschaft - außer vielleicht die Feststellung, dass das Leben ungerecht ist: Francesco Foscari, im 15. Jahrhundert der Doge von Venedig, steht vor einem klassischen Dilemma. Sein letzter lebender Sohn Jacopo wird des Mordes angeklagt, der beteuert freilich seine Unschuld. Der Doge stellt seine Funktion über die Vaterpflicht und verbannt seinen Sohn schweren Herzens aus der Republik. Zugleich besiegelt der Machthaber damit seinen persönlichen Untergang.
Wie bringt man eine derartige Handlung für ein heutiges Publikum zeitgemäß auf die Bühne? Diese Frage lag förmlich in der Luft, als sich nach einer vom Publikum inbrünstig gesungenen US-Hymne im Dorothy Chandler Pavilion kürzlich der Vorhang zur neuen Saison der Los Angeles Opera hob.
Düstere Regie mit
dem Hang zur Statik
Der junge US-amerikanische Regisseur Thaddeus Strassberger entschied sich in dieser Koproduktion mit dem Theater an der Wien, in dem das Werk im Jänner 2014 gezeigt werden soll, für eine weitgehende Reproduktion der vorgegebenen Opernhandlung. Unter Strassbergers Leitung wird die Geschichte in einem düsteren Einheitsbühnenbild (Kevin Knight) erzählt. Risse in einst mächtigen Gefängnismauern verdeutlichen die Fragilität der Macht. Lediglich die originellen Kostüme (Mattie Ullrich) lassen das alte Venedig als den Ort der Handlung vermuten. Strassberger verzichtet weitgehend auf ikonografische Hilfsmittel und setzt auf eine klassische und allzu häufig statische Personenregie. Mit Ausnahme eines in der musikalischen Dramatik fast untergehenden Schlusseffekts, bei dem Strassberger die Ehefrau Jacopos zur Kindsmörderin werden lässt, fügt der Regisseur der Handlung kaum eigene Ideen hinzu.
Vermochte die Regie das kalifornische Publikum wenig zu begeistern, war der Jubel letztlich dennoch groß. Er galt der herausragenden musikalischen Qualität der Aufführung, deren Aufzeichnung den Status einer Referenzaufnahme erlangen könnte. Gefühlvoll und mit perfekten Tempi führte Musikdirektor James Conlon sein Orchester, das er in den vergangenen Jahren zu einem erstklassigen Klangkörper geformt hat.
Das 140. Rollendebüt
von Plácido Domingo
Nicht weniger kostbar waren die Solisten: Als frei in einem Käfig schwebender Jacopo Foscari überzeugte ein kraftvoller Francesco Meli ab der ersten Note mit herrlichem, weinerlichem Schmelz. Marina Poplavskaya als seine Frau Lucrezia packte mit ihrem individuellen Stimmklang und einer intensiven Bühnenpräsenz, die an vergangene Operngrößen erinnerte. Über allen stand das Phänomen Plácido Domingo: In seinem umjubelten 140. Rollendebüt in der Baritonpartie des Dogen Francesco Foscari überzeugte der 71-jährige Ausnahmesänger mit der Klarheit seiner nach wie vor kräftigen Stimme. Man sagt, dass Domingo auch in der Wiener Aufführungsserie auf der Bühne stehen soll. Eine Besetzung wie in Los Angeles ist dem Wiener Publikum jedenfalls zu wünschen.
Oper
I due Foscari
Von Giuseppe Verdi
Thaddeus Strassberger (Regie)
Los Angeles Opera
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