• vom 19.09.2012, 16:58 Uhr

Klassik/Oper

Update: 19.09.2012, 19:47 Uhr
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Tristan Schulze komponiert für das Theater an der Wien die Satire "Premiere"

"Auch der Kritiker hat ein menschliches Gesicht"


Von Christoph Irrgeher

  • Über Opernklischees, erlaubte Tonalität und die Vorteile des Komponistendaseins.

Cellistenkomponist in der Hölle: Tristan Schulze.

Cellistenkomponist in der Hölle: Tristan Schulze.© Julia Wesely Cellistenkomponist in der Hölle: Tristan Schulze.© Julia Wesely

Wien."Was? Ihr macht eine Oper ohne Dirigenten? Super!" Hellauf begeistert sei der Musikerkollege aus Leipzig gewesen. Die erste Oper des Cellisten Tristan Schulze bietet seinesgleichen tatsächlich Singuläres: Einmal befreit aufspielen ohne Dirigentenhand, einmal nicht einkaserniert im Orchestergraben - wo gibt’s das schon?

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Ab nächsten Mittwoch jedenfalls im Theater an der Wien. Wobei nicht viele Musiker in den Genuss der Freiheit kommen: Neben Schulze sind nur drei Instrumentalisten zugange, und das auch nur im Pausenraum des Souterrains, genannt Hölle. Höllenqualen erleidet hier die Hauptfigur des satirischen Stücks "Premiere", zu dem Rainer Vierlinger die Idee hatte - ein Opernregisseur nämlich. Der ist zu nervös, um sich das eigene Werk anzusehen, und hat sich darum im Pausenraum verbunkert. Und die Leute, die hereinschneien, lindern die Seelenpein kaum. "Was, der inszeniert? Da sind wir das letzte Mal in der Pause gegangen", sagt jemand. Und der Kritiker: "Mit dem Stück sind schon andere auf die Nase gefallen." Wenig herzerwärmend auch die Primadonna (Ildikó Raimondi), die eine Arie einbüßt - und entsprechend stinksauer ist.

Spiel der Eitelkeiten
Nichtsdestotrotz: "Es ging uns darum, plastische Figuren zu schaffen", sagt Schulze über ein "Spiel der Eitelkeiten", das "mal ehrlich sei, mal viel Fassade zeigt". Diskreditiert soll dabei keiner werden. "Gerade beim Kritiker war es uns wichtig zu zeigen, dass auch er ein menschliches Gesicht hat." Auch das ist allerdings nicht ganz klischeefrei, glaubt der Kritiker doch, der bessere Regisseur zu sein. Mit dem echten verbindet ihn jedenfalls ein Faible für "ein bisschen kitschige Musik". Welches Werk die Hauptfigur dieser "Premiere" inszeniert hat? Schulze will nicht zu viel verraten. Aber: "Die Aufgabe ist nicht schwer."

Opernsatire also im Theater an der Wien - das gab es schon 2006 mit "I hate Mozart". Die gerühmte Uraufführung von Bernhard Lang hat Schulze aber nicht gesehen. Und: Seine Musik klingt ganz anders. Nämlich tonal. Darf man denn so etwas noch? "Wieso nicht", fragt Schulze. Er glaubt nämlich nicht an eine wesentliche Voraussetzung für dieses Tabu: an eine lineare Entwicklung der Musikgeschichte. Dagegen sprechen für Schulze Figuren wie der experimentierwütige Renaissance-Mann Gesualdo - während ein Zeitgenosse wie Krzysztof Penderecki wiederum spät seine Lust am Dur-Akkord entdeckt hat.

"Oper misslingt in der Regel"
Dass Schulze, der 48-jährige Sachse, kein typischer Komponist ist, verrät aber auch der Lebenslauf: Als die Mauer fiel, suchte der Cellist das Weite, tigerte sich in Indien in die dortige klassische Musik. Als er später in Deutschland feststellte, dass damit nichts zu reißen war, übersiedelte er nach Wien - und gründete mit den Violin-Kollegen Aleksey Igudesman und Daisy Jopling Triology. Ein Glücksgriff: Mit viel Humor und noch mehr Erfolg pendelte die Kammerkombo zwölf Jahre zwischen Stehgeiger-Vituosität, Film- und Rockmusik - und Auftrittsorten in aller Welt.

Mag ein Freigeist wie Schulze eigentlich die alte Dame Oper? "Gute Frage", sagt er. Als sein Cello noch an der Landesbühne Sachsen schrummte, war die Zuneigung klein. "Auch, weil viel schiefgehen kann und schiefgeht. Mit schlechten Dirigenten: hoffnungslos. Und viele Stimmen sind überfordert. Man vergisst hier gern", sagt der Wahlwiener, "dass es nicht nur fantastische Sänger gibt". Weil Oper an so vielen Faktoren hänge, misslinge sie in der Regel. Allerdings: "Dann hört man einen Wagner mit Christian Thielemann und denkt: Ah, es geht doch!"

Und dank solcher Erlebnisse fraß Schulze spät, aber doch noch einen Narren am Genre. "Vor allem die Irrationalität: Da singt jemand, dir laufen die Tränen runter, und du weißt nicht warum. Der Hörer fährt emotional Achterbahn - ohne dass man wie am Sprechtheater eine lange Kurve bauen müsste, damit es glaubwürdig wirkt." Entsprechenden Ehrgeiz legt Schulze, der auch schon die Niederösterreichischen Tonkünstler oder das Staatstheater Braunschweig mit Auftragswerken bedient hat, nun an den Tag: Neben "Premiere" hat er eine zweite Oper halbfertig - den Aufführungsort gilt es künftig noch zu finden. Ob Triology eines Tages wiederkehren könnte? Sei nicht ganz auszuschließen. Wobei: "Komponieren ist ein angenehmer Job. Da bin ich in Wien, kann mit meiner Frau frühstücken. So viel man auf Tour von der Welt sieht - anstrengend ist das schon."




Schlagwörter

Theater an der Wien, Oper

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-09-19 17:06:17
Letzte Änderung am 2012-09-19 19:47:05


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