
(irr) Natürlich hätte das auch einem Regisseur einfallen können. Eine Elektra, die körperlich nicht vor Hass bebt, die stoisch auf Vergeltung sinnt? Wirkt paradox, kann aber Wirkung entfalten. Agamemnons Tochter als hassstarres Zentrum eines Rachewirbelsturms: Das entwickelte an der Staatsoper nun deutlich mehr Charisma als das weiland gescheiterte Regie-Experiment, Tristan und Isolde als platonisches Pärchen zu präsentieren.
Die Elektra war nun freilich keine Regieidee, sondern Opfer widriger Umstände: Deborah Polaski leidet an Rückenschmerzen, kann darum nicht mit vollem Körpereinsatz agieren. Dass die Amerikanerin dennoch auf der Bühne stand, war mehr als dankenswert. Ihr Sopran gebietet weiterhin über jene Bärenkraft, um Frust, Furor und blutiges Racheglück in Schallmacht umzumünzen. Dabei glänzt Polaski beizeiten als Detailgestalterin - wenn auch nicht bei manchem lautstarken Spitzenton.
Das mag auch daran liegen, dass "Elektra" eine sehr laute Oper ist. Nur wegen Richard Strauss? Oder doch auch Simone Young? Es wäre kein Fehler, wenn die Dirigentin das Orchester-Blut hie und da ein paar Grad kühler wallen ließe. Nichtsdestotrotz: Die fahrigen Kraftaufwallungen dieser Partitur formt sie plastisch und trennscharf. Klingt mitunter wie ein Setzkasten der bizarren Effekte.
Ein Abend der femininen Kraftentfaltung war es dann auch dank zweier Sängerinnen. Angela Denoke entstößt sich bei ihrem Hausdebüt als Chrysothemis stupende Sopran-Salven, entwickelt obendrein eine Kundry-Präsenz, die der kargen Harry-Kupfer-Regie zupasskommt. Und Agnes Baltsa ist als Klytämnestra weiterhin eine ebenso harte wie gehetzte Dämonin. Herren haben hier wenig zu sagen, tun es aber achtbar: namentlich Ain Anger als mächtig orgelnder Orest und Norbert Ernst als Aegisth (der sich gegen seine Ermordung freilich mehr als nur halbherzig wehren könnte). Applaus für alle, Spitzenwerte für Denoke.
Oper
Elektra
Staatsoper (01/5131513)
Wh.: 23. und 26. September
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