Nach einem erstmalig durchgeführten Tag der offenen Tür eröffnete das Opernhaus Zürich unter Andreas Homoki, neuer Intendant und Alexander-Pereira-Nachfolger, mit einer diskussionswürdigen "Jenůfa" in der Regie von Dmitri Tcherniakov, einem weiteren Zürich-Neuling, die Saison.

Ohne mährisch-folkloristisches Kolorit lässt dieser das Drama von Leo Janáček in einem dreistöckigen, modern-funktionalen Drei-Generationen-Haus spielen. Hier leben die demente Buryja, die sich nur noch um die Pflege ihres Äußeren kümmert (immer noch eindrücklich präsent Hanna Schwarz), die verhärmte Küsterin und deren Ziehtochter Jenůfa zusammen. Das Haus ist ein psychisches Gefängnis, in dem die Frauen schicksalhaft aneinandergekettet sind.
Die Küsterin will ihrer Ziehtochter die eigenen Erfahrungen mit Männern ersparen. Sie misstraut deshalb dem trinkfreudigen Schönling teva Buryja (Pavol Breslik mit kernigem Timbre), der nur den Spaß mit seinen Party-Freunden in Äußerlichkeiten und sexueller Befriedigung sucht. Jenůfa will ihm dennoch gefallen und lässt seinen Halbbruder Laca links liegen (Christopher Ventris mit bruchlos strahlkräftiger Höhe), einen biederen Mann, der schließlich mit dem Messer in ihre rechte Apfelwange schneidet. Für Kristine Opolais Debüt als Jenůfa mit leuchtendem und durchschlagskräftigem Sopran und Michaela Martens expressive Küsterin gab es am Premierenabend zu Recht viel Applaus.
Auch in Tcherniakovs Regie nimmt die Küsterin Jenůfa deren uneheliches Kind von teva weg, das sie wegen seiner Ähnlichkeit zu dem Vater abgrundtief hasst - aber hier fehlt ihr die letzte Härte, es zu töten. Im obersten Stock pflegt sie es und lebt im Verborgenen ihren verkümmerten Mutterinstinkt aus. Die alte Buryja entdeckt den Säugling umherirrend im Haus. Langsam - ob in ihrem Wahn oder bei Bewusstsein, bleibt offen - schiebt sie das Kind aus dem Fenster und erfüllt so den Wunsch der Küsterin, die Schande von Jenůfa abzuwenden. Dass die Küsterin im Libretto die Schuld am Kindsmord auf sich nehmen will, stellt keinen unüberbrückbaren Bruch dar. Sie vollzieht den Mord nur nicht mit ihren eigenen Händen. Doch Jenůfa dankt ihr das Schuldeingeständnis am Schluss nur scheinbar: Einen Kindsmord kann man nicht verzeihen.
Tcherniakov blickt tief in die Seelen der Protagonisten, stellt kongenial Querverbindungen zwischen ihnen her und hinterfragt klug, was "Jenůfa" uns heute zu sagen hat. Ebenso erfreulich ist der musikalische Eindruck des Abends. Mit Fabio Luisi, dem neuen Generalmusikdirektor, scheint sich die Philharmonia Zürich, wie das Opernhaus-Orchester ab sofort heißt, in bestem Einvernehmen zu befinden. Luisi leuchtet mit dem bestens disponierten Ensemble die Partitur in ihrer Feingliedrigkeit und in ihrer ganzen Härte aus.
Oper
Jenůfa
Opernhaus Zürich
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