Beinahe wäre die Uraufführung, die der neue Intendant Barrie Kosky instinktsicher hinter seinen eigenen Auftakt-Paukenschlag mit drei Monteverdi-Opern geplant hatte, geplatzt. Doch der Gerichtstermin, den der Videokünstler Stan Douglas angestrengt hat, weil er zu viele eigene Ideen in dem einst gemeinsam mit Olga Neuwirth verfolgten Lulu-Projekt zu finden glaubte, erwies sich dann doch "nur" als PR im Vorfeld. Zum Glück bleibt die Suche nach Ähnlichkeiten von Neuwirths "American Lulu" mit dem unvollendeten Original von Alban Berg einer rein künstlerischen Debatte vorbehalten.
Die bekannteste österreichische Komponistin hat nämlich nicht nur - wie bisher am erfolgreichsten ihr Landsmann Friedrich Cerha - dem überlieferten zweiaktigen Fragment einen dritten Akt hinzugesellt. Sie hat gleich noch die beiden ersten Akte für ein großes Jazz-Orchester, inklusive Streicher und Kinoorgel, neu instrumentiert und bearbeitet, das Ganze in die Neue Welt verfrachtet und mit etwas politischem Bürgerrechtsfuror aufgepeppt. Dass hiermit eine völlig neue Sicht auf die schillernde Figur der Lulu vorläge, wurde so vehement betont, dass man dann doch überrascht (und auch beruhigt) ist, zumindest einer engen US-Verwandten der Lulu mit gleichem Namen zu begegnen.
Am Schluss die Frauenleiche
Auch im New Orleans der 50er Jahre und dem New York der 70er geht es ungefähr so zu, wie es Wedekind, Berg und Cerha auf den Punkt gebracht haben. Mit etwas mehr schwarzem Selbstbewusstsein, und auch einem an Martin Luther King geschulten politischen Denken - so lässt es sich am Habitus der zur erfolgreichen Bluessängerin Eleanor gewordenen Gräfin Geschwitz ablesen sowie an eingespielten Texten. Doch auch das gläserne Penthouse über den Dächern von New York schützt nicht vor jener Lebensgefahr, die im Original von einer Londoner Absteige ausgeht: Das eingeblendete Schlussbild - eine übel zugerichtete Frauenleiche - lehrt dies deutlich.
Wenn Alwa einmal sagt, dass man aus Lulus Leben eine Oper machen müsste, so spricht sein amerikanischer Verwandter Jimmy jetzt von einer Operette. Er hätte auch gleich Musical sagen können. Wobei: Die Neuinstrumentierung und die Neukomposition sind zwar alles andere als musicalhaft geworden. Das hat seinen Reiz. Aber das Ganze hält dem Original doch nicht stand.
Der russische Regisseur und Ausstatter Kirill Serebrennikov kommt bei seinem Westeuropa-Debüt mit einer schwarz-weißen Bühnenästhetik und Anleihen an Ikonen wie Edward Hopper oder Richard Hamilton nicht an die durchschlagende Vergegenwärtigung heran, die gute Inszenierungen mit der zwei- oder dreiaktigen, mehr oder weniger originalen Berg-"Lulu" zu erzielen vermögen. Die Aufgeschlossenheit für die Novität war durch den Komponisten Johannes Kalitzke am Pult des Orchesters ebenso gesichert wie durch den rückhaltlosen Einsatz, den die Lulu-bewährte Marisol Montalvo (mit großem Körpereinsatz, wenn auch etwas kleiner Stimme) und das Ensemble an den Tag legten. In diesem Kollektiv, dem auch die Popsängerin Della Miles als Gast angehörte, machten nicht nur Claudio Otelli als Dr. Bloom und Rolf Romei als dessen Sohn Jimmy gute Figur.
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