Eine Anti-Oper wollte György Ligeti ab den späten 1960er Jahren für die Königliche Oper Stockholm konstruieren. 1977 vollendete der Wegbereiter der neuen Musikwege im vergangenen Jahrhundert seinen "Le Grand Macabre" denn doch als - wie er sagte - Anti-Anti-Oper. So ersann er mit Librettist Michael Meschke durch doppelte Negation wieder eine Art Oper, vielleicht auf einer anderen Ebene, jedenfalls als Einheit von Musik und Sprache gedacht. Ein Werk, das durch abstrakte Assoziationen fesselt und das Denkspektrum mit Zitatfetzen erweitert - und von Orchestermusikern sowie Sängern Unglaubliches fordert.
Was, wenn das Ende der Welt bevorsteht? Was, wenn Mayakalender, Nostradamus und alle Endzeitprophezeiungen richtig lagen? Geht es nach der Neuen Oper Wien, müsste man zuallererst in der Halle E des Wiener Museumsquartier Platz nehmen. Indefinite Herrschaftsform, eventuell konstitutionelle Monarchie, zeichnet sich durch infantilen Fürsten aus. Countertenor Arno Raunig war köstlich anzusehen. Die Ratgeber des Herrschers von Breughelland, aktuell albtraumhaft als Müllhalde inszeniert, sind austauschbar korrupt. Minister Schwarz (Stephan Rehm) und Minister Weiß (Gerhard Karzel) bekämpfen einander nur um der Legitimation willen.
Im Maya-Federnkostüm
Aber darum geht es gar nicht, oder nur am Rande, denn das Volk akzeptiert alles und verfolgt weiterhin sein billiges, verlottertes Treiben. Des Hofastrologen Astradamors (gemimt von Bassbariton Nicholas Isherwood) Gemahlin (Annette Schönmüller) lebt plakativ ihre erotischen Fantasien aus. Schon erscheint per Draisine der große Makabre, Nekrotzar in durchwegs authentischem Maya-Federnkostüm. Er verkündet das nahende Ende durch eine Kollision mit dem Kometen. Und alle glauben ihm. Das mussten sie an diesem Abend auch, stellte der Tiroler Bariton Martin Achrainer doch die zentrale Gestalt dieser Produktion dar. Akrobatisch und souverän bewegte er sich mit guter Diktion durch die Szene. Gesellschaftliches Chaos und Bürgerkrieg sind vorprogrammiert. Einzig der Chef der Geheimen Politischen Polizei Gepopo (Sopranistin Jennifer Yoon unterwegs in höchsten Diskanten und außerirdisch glitzerndem Golfcaddy) erkennt die Gefahr. Doch es ist zu spät. Alles versinkt. Oder auch nicht. Leichen erheben sich, vielleicht sind es Überlebende, die Menschheit geht dem Licht entgegen und Nekrotzar hat verloren.
Ob die Welt untergegangen ist oder nur die bisherige Ordnung, bleibt offen. Das wusste auch beim Premierenabend niemand. Regisseur Carlos Wagner, Bühnenbildner Andrea Cozzi, Christof Cremer (Kostüme) und Norbert Chmel (Lichtdesign) lieferten sich im müllüberfrachteten Irrsinn eine wahre Materialschlacht, die die philosophischen Hintergründe des Werkes wenig unterstützte. Die oftmals fehlende Wortdeutlichkeit in der Sängerriege tat das Ihre zur Aufrechterhaltung des Chaos.
Feststeht, dass Ensembleleiter und Intendant Walter Kobéra musikalisch Besonderes bot. Vorzüglich agierte das amadeus ensemble-wien, unterstützt vom mannigfach eingesetzten Wiener Kammerchor.
Fazit: Ligeti hatte recht. Was zählt ist das Hier und Jetzt, der Rest ist wurscht.
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