
Wien. Wenn ein Mensch nicht mehr so recht weiß, wo er ist, droht ein trister Umzug in tatsächliches Neuland: nämlich auf die Geriatrie. Wenn jemand aber nur beizeiten seinen Aufenthaltsort vergisst, kann es sich auch um einen Globetrotter wie Erwin Schrott handeln. Ein Fall für die Eisscholle des modernen Gesundheitswesens ist der Bassbariton mit seinen 39 Jahren und der virilen Bühnenenergie freilich nicht. Wenn der Weltstar aber in einem Hotelzimmer erwacht, kann ein Gefühl globaler Desorientiertheit den neuen Tag trüben. "Das ist mir schon einige Male passiert", erzählt Schrott. "Paris, New York, Timbuktu? Es kann dich wahnsinnig machen!"
Luxusprobleme, will man meinen. Auftritte an führenden Opernhäusern, ein langfristiger Vertrag mit Sony Classical und eine Lebensgefährtin namens Anna Netrebko, die auch Mutter des gemeinsamen Sohnes ist: Die Dinge könnten schlechter stehen. Weiß Schrott ja auch. "Ich habe so viele Möglichkeiten bekommen", sagt er - nun will Schrott anderen helfen. Er hat heuer mit Netrebko die Stiftung "AnnaAndErwin4Kids" gegründet. Die unterstützt zum Beispiel ein Kinderspital in St. Petersburg und SOS Kinderdörfer.
"Nicht auf die Füße steigen"
Schon früher war das Sängerpaar wohltätigen Aktionen zugetan. Mit der eigenen Stiftung soll das Geld nun aber vor allem eines: schneller fließen. Schrott: "Ich habe oft gehört: Wir brauchen Zeit, bevor wir etwas tun können. Aber wenn jemand hungrig ist, braucht er das Geld nicht morgen, sondern gestern." Außerdem: "Die Stiftung gibt mir die Möglichkeit, nachts ein bisschen besser zu schlafen."
Besonders gut dürfte Schrott nach der Abendveranstaltung des 10. Oktobers ruhen. Am nächsten Mittwoch nämlich stellt er seine CD "Rojotango" erstmals live vor, die Einnahmen des Events im Wiener Museumsquartier (Halle E) kommen der neuen Stiftung zugute sowie Tmicha, dem Wohltätigkeitsverein der Israelitischen Kultusgemeinde. Dabei dürfen sich Fans wesentlich mehr erwarten als ein konzertantes Absingen jener Tangos, Milongas und Bossas, die Schrott 2011 auf CD vorlegte: Ein Regisseur setzt Tänzer und Musiker aus Europa und Argentinien in Szene; neben Schrott steht die Schauspielerin Sunnyi Melles auf der Bühne. Als Moderatorin? War die ursprüngliche Idee. Aber: "Es wäre eine Schande, eine so begnadete Person auf diese Rolle zu beschränken", sagt Schrott. Melles wird eine eigene Figur kreieren - und Schrott auch ein bisschen tanzen. "Jedenfalls werde ich versuchen, den echten Tänzern nicht auf die Füße zu treten", sagt er lächelnd, "die sind großartig."
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