"Wiener Zeitung": Herr Badura-Skoda, was hat sich in Ihrer langen Pianistenlaufbahn in der Musikwelt alles verändert?
Paul Badura-Skoda: Sprechen wir zunächst von dem, was sich am wenigsten verändert hat: Das ist die Qualität der Klaviere, wobei ich in erster Linie Bösendorfer und Steinway nebeneinander nennen muss. Ebenso verlässlich ist bisher noch meine Fingerfertigkeit. Das muss man als eine Art Wunder betrachten. Bei Geigern etwa gehen die Kraft und die Beweglichkeit der Finger im Alter merklich zurück. Bei mir nicht, wie man auf den letzten Konzertmitschnitten hören kann. Nur bei den Tschaikowski-Oktaven, wo es auf die reine Muskelkraft ankommt, bin ich heute um zehn Prozent langsamer als vor vierzig Jahren. Auch die Schönheit der Konzertsäle in der Welt ist gleich geblieben, der Musikvereinssaal ist sogar noch schöner geworden, der Brahmssaal wurde nach den Originalplänen prachtvoll restauriert. Außerdem sind in der Welt unzählige große Konzertsäle dazugekommen, etwa in Spanien, wo ich in modernen Sälen mit bester Akustik gespielt habe.
Was hat sich verschlechtert?
Naja, diese großen, schönen Säle werden immer leerer, und das Publikum wird immer älter. Vielleicht mit der Ausnahme von Fernost kommen immer weniger junge Menschen in Konzerte mit der guten, der schönen Musik.
Damit meinen Sie natürlich die klassische Musik?
Ich mag das Wort "klassisch" in diesem Zusammenhang nicht. Das ist eine Katalogisierung, die dazu führt, dass viele Menschen sagen: Die Musik ist mir zu hoch, die verstehe ich nicht. Mir geht es eher umgekehrt, ich verstehe die Rock-Musik nicht. So hat eben jeder seine Grenzen. Aber in jedem Fall gibt es heute weniger Möglichkeiten, öffentliche Konzerte zu geben. Die neuesten technischen Möglichkeiten führen zwar vielleicht dazu, dass mehr Menschen als früher Musik hören, aber die technische Wiedergabe ist meistens so entsetzlich, dass man keine Vorstellung davon bekommt, was der Unterschied zwischen einem echten Orchester und einem Pseudo-Orchester ist. Dasselbe gilt auch fürs Klavier.
Früher haben ja viel mehr Menschen als heute selbst Musik gemacht. Und diese Dilettanten haben mit Verständnis und Liebe bei Konzerten zugehört.
Das kann ich nur bestätigen. Noch in meiner Kindheit und Jugend wurde viel vierhändig gespielt. Der Hauptzweck war dabei, die großen Werke der Literatur kennenzulernen, die in Arrangements zu vier Händen greifbar waren. Das hat eine Vorkenntnis geschaffen, die heutigen Konzertbesuchern weitgehend fehlt. Es gibt zwar noch immer Publikum, aber vielen Leuten gefällt nur noch das, was ihnen von den Medien gerade als gut offeriert wird.
Aber lässt sich denn so genau feststellen, welche musikalische Interpretation gelungen ist?
Aus meiner Warte kann ich schon sagen, was gut und was schlecht ist. Einfach, weil ich die Partituren studiert habe und weil ich viele Komponisten unserer Zeit noch persönlich kannte, die mich in meinen Auffassungen bestätigt haben. Es gibt sicher sehr oft Konzerte, die perfekt in dem Sinne sind, dass keine falschen Noten gespielt werden. Aber die Abwesenheit von falschen Noten bedeutet noch nicht, dass alle Noten richtig sind, wie der unsterbliche Hans Gál gesagt hat. Es gibt leider nur wenige Zuhörer, die empört ein Konzert verlassen, weil jemand mit der Musik Schindluder treibt und von den Absichten des Komponisten nichts mehr übrig lässt. Da muss ich auch einige Ihrer journalistischen Kollegen tadeln, die mit dem Strom schwimmen. Und das, obwohl manche der sogenannten Stars - also etwa der mit den zwei gleichen Silben als Name (der Pianist Lang Lang, Anm.) - eigentlich nur Zirkuskünstler sind.
Aber ein bisschen Zirkus gehört doch dazu. Auch Paganini war ein Zirkuskünstler, oder nicht?

Ja schon, aber er konnte auch ergreifen. In einem leider verschollenen Brief, der nur nach dem Gedächtnis der Freunde zitiert werden kann, schrieb Schubert: "Ich habe einen Engel spielen gehört". In den guten Kompositionen Paganinis gibt es sehr wohl eine echte, italienische Kantilene. Natürlich ist der Zirkusauftritt eine absolut legitime Form des Musizierens, aber meiner Ansicht nach muss er doch immer mit einer künstlerischen Aussage verbunden sein. Wenn es nur Zirkus ist - dann genügt es nicht. Am meisten stören mich die "aufgeklebten Gefühle", wie mein Lehrer Edwin Fischer das nannte. Bei einem Schauspieler würde man sich gegen eine solche Unechtheit wehren, aber bei einem Instrumentalisten oder auch bei manchen Taktstock-Virtuosen wird das hingenommen. Aber bevor ich jetzt zu polemisch werde, reden wir lieber von etwas Positivem.
Sie haben in Ihrer Jugend bei mehreren Lehrerinnen Klavier spielen gelernt, unter anderen bei Viola Thern und Marta Wiesenthal. Wurde da die Basis für Ihr Musikverständnis gelegt?
Ja. Ich wollte schon früh herausfinden, was hinter den Noten ist und wie ein Tonstück gebaut ist. So habe ich in Zeiten, als ich mich noch gar nicht für den Pianistenberuf entschieden hatte - ich wollte ja ursprünglich Ingenieur werden -, die Grundlagen der Kompositions- und Harmonielehre gelernt. Da möchte ich auch den wunderbaren Franz Burkhart erwähnen, der mit seinen Kinderchorkonzerten etwas Tolles geschaffen hat. Tausend Kinder waren am Podium des Konzerthaussaals versammelt, Burkhart hat diesen riesigen Chor geleitet, und die Kinder haben so schön und richtig gesungen! Burkhart war auch ein bedeutender Komponist und hat einen fabelhaften Orchestersatz gemacht. Also von diesem Mann habe ich die erste Einführung in die Harmonielehre, aber auch in die großen Werke der Musikgeschichte bekommen. Das war noch vor meiner Zeit im Konservatorium.


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