• vom 12.10.2012, 15:56 Uhr

Klassik/Oper

Update: 12.10.2012, 17:35 Uhr
  • Artikel
  • Lesenswert (1)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Kinderspielplatz im Theaterzelt


Von Jörn Florian Fuchs

Oberflächenrevue: "Weißes Rössl" in München.

Oberflächenrevue: "Weißes Rössl" in München.© Thomas Dashuber Oberflächenrevue: "Weißes Rössl" in München.© Thomas Dashuber

Eine ähnliche Prominentendichte gab es wohl zuletzt bei André Hellers Münchner Uraufführung seiner Pferdeshow "Magnifico" in den eigens dafür konstruierten Zeltpalästen. Die Prosecco-Schickeria delektierte sich zwar auch an Hellers bewährtem Zaubertheater, vor allem jedoch an Häppchen und an sich selbst. Die Zelte sind mittlerweile verschwunden, Hellers Projekt ist in Konkurs gegangen. Jetzt gibt es eine neue Zeltlandschaft, nahe beim großen Fußballstadion, direkt neben einem gigantischen Parkhaus. Es ist die Ausweichspielstätte des Deutschen Theaters, das gerade saniert wird. Auch das Gärtnerplatztheater wird renoviert und spielt daher im Deutschen Theater, das ja gerade saniert wird und daher ausweichen muss . . .

Information

Operette
Im weißen Rössl
Gärtnerplatztheater, München

Werbung

Der neue Gärtnerplatzchef Josef E. Köpplinger (vormals Intendant in Klagenfurt) nützt die Gunst des ungewöhnlichen Orts und bespaßt für seine Regie des "Weißen Rössls" bereits das Foyerzelt üppig. Es wird geschuhplattelt, Kinderchöre quaken, Blechblasbands treten auf. Eine Reiseführerin geleitet schließlich ins große Zelt, erklärt das Salzkammergut und radebricht auf Englisch allerhand Zotiges ("Gleich geht es los - soon it goes loose").

Über die Schmerzgrenze
Man nimmt Platz zwischen Starfriseuren und den Kessler-Zwillingen, abgehalfterten Schlagerfuzzis, Seifenopernsternchen. Die Bühne (Reiner Sinell) zeigt knallbunten Kitsch, mit beweglichen Wolfgangseewellen, Schäfchenwolken, Toilettenhäuschen und illustrem Bergpanorama. Schiffe fahren vorüber, einmal huscht ein Flugzeug an Bindfäden vorbei. Ein hübsch angemalter Kinderspielplatz ist das, auf dem die Protagonisten krachledern bis weit über die Schmerzgrenze hampeln. Zahlkellner Leopold (glänzend: Daniel Prohaska) kämpft mit Gästen und seiner geliebten Rössl-Wirtin (Idealbesetzung: Sigrid Hauser), Fabrikant Giesecke (mit schön preußischem Timbre: Hans Teuscher) hat Heimweh, seine Tochter Ottilie (blass: Iva Mihanovic) ist unglücklich verliebt. Für Unruhe sorgen außerdem der schmucke Rechtsanwalt Dr. Siedler (etwas zu laut: Tilmann Unger), Sigismund Sülzheimer (arg leise: Michael von Au) und jede Menge Staffage und Statisten. Köpplinger spielt ganz bewusst alle Klischees von Stück und Handlungsort aus, lässt den Oberförster gar ein Jodelmädel erschießen oder Wanderer sich in den Pappbergen verirren.

Was im ersten Teil des Abends recht unterhaltsam daherkommt, sediert später aber zunehmend. Enttäuschend vor allem Oscar-Preisträger Maximilian Schell als Kaiser Franz Joseph: Er macht dem ganzen Treiben und Gefühlswirrwarr ein Ende, indem er behäbig Behagliches zum Besten gibt. Schell wirkt müde und in dieser Oberflächenrevue schlicht deplatziert.

Recht schwungvoll dagegen das um ausgreifendes Schlagwerk samt Kuhglocken sowie Zither-Trio erweiterte Gärtnerplatz-Orchester. Man orientiert sich an der erst kürzlich rekonstruierten Originalfassung, da klingt manches kurzweilig nach Kurt Weill, es gibt jazzige Einlagen, viel Schwung und Tempo. Michael Brandstätter hält diesen musikalischen Gemischtwarenladen ganz gut zusammen. Insgesamt bleibt ein schaler Nachgeschmack: Muss ein Staatstheater so etwas wirklich im Portfolio haben?




Schlagwörter

München, Operette

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-10-12 16:08:22
Letzte Änderung am 2012-10-12 17:35:08


Beliebte Inhalte



Festgefroren in der "Nacht der Liebe": Peter Seiffert und Nina Stemme. - apa/Hans Klaus Techt Und dann der Schlussgesang. "Liebestod" nennt man heute, was Richard Wagner einst als "Isoldes Verklärung" bezeichnet hat...weiter

Sympathische Sportfreunde Stiller mit Tagebuchlyrik ihres Gitarristen Peter Brugger. - epa
  • Festivalabschluss mit Sportfreunde Stiller und Kings of Leon.
  • weiter

Die Festivalbesucher hatten sichtlich Spaß, viele vergaßen auf's Wassertrinken: Die Rettungskräfte hatten in der prallen Sonne viel zu tun. - APAweb / Herbert P. Oczeret
  • Polizei schnappte "Zelt-Schlitzer"-Quintett.
  • weiter

Im Jahr 2012 stand "A Chorus Line " beim "Theaterfestes NÖ 2012" in Stockerau auf dem Plan, doch nun sattelt die Stadt vom Musical auf das kostengünstigere Sprechtheater um. - APA/NATALIE BAUER
  • Zwischen Absicherung und Restrisiken: die Finanzsituation der Festivalmacher.
  • weiter

Ja, noch heute zählt die Workshop-Einlage zu den Fixelementen eines Bobby-McFerrin-Konzerts, und der Star macht - don’t worry, be happy! - zu wirklich jeder Talentprobe gute Miene. - APA/HERBERT NEUBAUER Da soll noch einer sagen, die hiesige Bevölkerung ginge ungern aus sich heraus. Mikrofonausgabe!, schon rauscht die Damenwelt in hellen Scharen zur...weiter

Die Brandrodung der Regenwälder (hier im Amazonasgebiet) trägt zum Treibhauseffekt bei. - Foto: dpa
  • Das Nützlichkeitsdenken verstellt den Blick auf die Realität.
  • weiter

Das griechische Fernsehen zeigte Bilder von Protestversammlungen der Journalisten und des Publikums und erklärte, die Regierung wolle ein Vorhängeschloss an der.Sendeanstalt anbringen. - (Screenshots)
  • Regierung: "Unglaubliche Verschwendung"
  • Angestellte beraten über Besetzung
  • weiter

  • Wolfgang Pollanz schreibt eine Autobiografie in Songs.
  • weiter

Die "Meistersinger", inszeniert als düstere Kasperliade. - Rittershaus Man dürfe Wagner einfach nicht zu ernst nehmen, erklärte David Alden vorab in einem Interview, und tatsächlich kaspert sich der rastlose Brite...weiter

Wild und gefährlich war einmal. Heute ist Heavy Metal in der Mitte angekommen. - epa
  • Die laute Musik ist kein Randphänomen mehr, aber auch kein Mainstream.
  • weiter




Werbung





Neue Oper des österreichischen Komponisten Georg Friedrich Haas uraufgeführt

Ein ungläubiger Thomas

Spitalsalltag und Katastrophe: Thomas (Otto Katzameier) verliert seinen Lebenspartner . - SWR/Runkel Im Schwetzinger Rokokotheater beginnt es diesmal schon mit dem Ende - und zwar von Matthias. Er liegt in einem Krankenhausbett... weiter




Eine "Winterreise" in den Wahn

Jonas Kaufmann. - apa Jonas Kaufmann bat vor seinem Liederabend im Wiener Konzerthaus für Verständnis: Nach seiner überstandenen Verkühlung sei sein Kreislauf noch... weiter




"Trovatore"-Parodie

Graf Luna im Plunderland

Strahlende Töne, rollende Augen: Marina Prudenskaya als Zigeunerin Azucena - oder Wunderland-Figur. - apa/Hans Klaus Techt "Bist du vom Himmel herabgestiegen?" Diesmal ganz sicher nicht: Die Hofdame in Nöten erblickt den Retter ausnahmsweise auf dem Boden: Verdis... weiter




Edita Gruberová im Wiener Musikverein

Belcanto-Lehrstunde

Triumphierte im Musikverein: Edita Gruberová. - apa/Hochmuth Ihre bis dato letzte neue Rolle präsentierte Sopranlegende Edita Gruberová in konzertanter Version im Wiener Musikverein... weiter



Bruckner ganz persönlich

Bruckner: Symphony No. 4

Franz Welser-Möst Bruckners Vierte Cleveland Orchestra - Arthaus (dawa) Wie man Anton Bruckner und seiner überbordenden vierten Symphonie, der "Romantischen", persönlich begegnen kann... weiter




Mystisches trifft Mystiker

Volodos, Arcadi: Volodos plays Mompou

Arcadi Volodos: Volodos plays Mompou (Sony Classical) (dawa) Arcadi Volodos mit Frederic Mompou (1893 bis 1987). Machte sich der russische Pianist Volodos schon vor Jahren mit unorthodox sphärischen... weiter




Amfortas‘ flotte Erlösung durch das Klavier

Wagner, Richard: Parsifal

Wagner/ (eb) So rund fünf Stunden braucht Wagner, bis Amfortas erlöst ist. Engelbert Humperdinck kann‘s flotter: Seine "Parsifal"-Arrangements für... weiter



Ein frömmelnder Heuchler schleicht sich in das Vertrauen eines alten Patriarchen und versucht, sich alles anzueignen, was diesem teuer ist: Frau, Haus und Tochter. Abgespielt hatte sich das Ganze in der Wohnküche eines Landhauses, auf den Brettern des Akademietheaters. Im Bild: Gert Voss (r.) als "Orgon", Edith Clever (m.) als "Dorine" und Adina Vetter als "Marianne".

Gottfried Helnwein, Peinlich, 1971, Die letzten Stufen werden noch eingekleidet, und dann kanns los gehen:

Es sollte die Suche nach dem Ursprung des Universums werden - oder zumindest etwas Ähnliches. Medienkünstler Peter Weibel lud zum Auftakt in den Klangraum Minoritenkirche, um sich einem "3D-Rausch-Konzert" hinzugeben. Ostern ist zwar schon vorbei, aber der Hase hat nach wie vor Saison. (Probenfoto)


Werbung