
Eine ähnliche Prominentendichte gab es wohl zuletzt bei André Hellers Münchner Uraufführung seiner Pferdeshow "Magnifico" in den eigens dafür konstruierten Zeltpalästen. Die Prosecco-Schickeria delektierte sich zwar auch an Hellers bewährtem Zaubertheater, vor allem jedoch an Häppchen und an sich selbst. Die Zelte sind mittlerweile verschwunden, Hellers Projekt ist in Konkurs gegangen. Jetzt gibt es eine neue Zeltlandschaft, nahe beim großen Fußballstadion, direkt neben einem gigantischen Parkhaus. Es ist die Ausweichspielstätte des Deutschen Theaters, das gerade saniert wird. Auch das Gärtnerplatztheater wird renoviert und spielt daher im Deutschen Theater, das ja gerade saniert wird und daher ausweichen muss . . .
Der neue Gärtnerplatzchef Josef E. Köpplinger (vormals Intendant in Klagenfurt) nützt die Gunst des ungewöhnlichen Orts und bespaßt für seine Regie des "Weißen Rössls" bereits das Foyerzelt üppig. Es wird geschuhplattelt, Kinderchöre quaken, Blechblasbands treten auf. Eine Reiseführerin geleitet schließlich ins große Zelt, erklärt das Salzkammergut und radebricht auf Englisch allerhand Zotiges ("Gleich geht es los - soon it goes loose").
Über die Schmerzgrenze
Man nimmt Platz zwischen Starfriseuren und den Kessler-Zwillingen, abgehalfterten Schlagerfuzzis, Seifenopernsternchen. Die Bühne (Reiner Sinell) zeigt knallbunten Kitsch, mit beweglichen Wolfgangseewellen, Schäfchenwolken, Toilettenhäuschen und illustrem Bergpanorama. Schiffe fahren vorüber, einmal huscht ein Flugzeug an Bindfäden vorbei. Ein hübsch angemalter Kinderspielplatz ist das, auf dem die Protagonisten krachledern bis weit über die Schmerzgrenze hampeln. Zahlkellner Leopold (glänzend: Daniel Prohaska) kämpft mit Gästen und seiner geliebten Rössl-Wirtin (Idealbesetzung: Sigrid Hauser), Fabrikant Giesecke (mit schön preußischem Timbre: Hans Teuscher) hat Heimweh, seine Tochter Ottilie (blass: Iva Mihanovic) ist unglücklich verliebt. Für Unruhe sorgen außerdem der schmucke Rechtsanwalt Dr. Siedler (etwas zu laut: Tilmann Unger), Sigismund Sülzheimer (arg leise: Michael von Au) und jede Menge Staffage und Statisten. Köpplinger spielt ganz bewusst alle Klischees von Stück und Handlungsort aus, lässt den Oberförster gar ein Jodelmädel erschießen oder Wanderer sich in den Pappbergen verirren.
Was im ersten Teil des Abends recht unterhaltsam daherkommt, sediert später aber zunehmend. Enttäuschend vor allem Oscar-Preisträger Maximilian Schell als Kaiser Franz Joseph: Er macht dem ganzen Treiben und Gefühlswirrwarr ein Ende, indem er behäbig Behagliches zum Besten gibt. Schell wirkt müde und in dieser Oberflächenrevue schlicht deplatziert.
Recht schwungvoll dagegen das um ausgreifendes Schlagwerk samt Kuhglocken sowie Zither-Trio erweiterte Gärtnerplatz-Orchester. Man orientiert sich an der erst kürzlich rekonstruierten Originalfassung, da klingt manches kurzweilig nach Kurt Weill, es gibt jazzige Einlagen, viel Schwung und Tempo. Michael Brandstätter hält diesen musikalischen Gemischtwarenladen ganz gut zusammen. Insgesamt bleibt ein schaler Nachgeschmack: Muss ein Staatstheater so etwas wirklich im Portfolio haben?
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