• vom 15.10.2012, 15:58 Uhr

Klassik/Oper

Update: 15.10.2012, 16:38 Uhr
  • Artikel
  • Lesenswert (2)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Vor 100 Jahren wurde Schönbergs "Pierrot lunaire" uraufgeführt und schrieb Musikgeschichte

Der Pierrot als Revolutionär


Von Edwin Baumgartner

  • "Pierrot lunaire" war in Berlin ein Skandal - heute ist er ein Klassiker.

"Pierrot lunaire" übte nicht nur auf Komponisten, sondern auch auf Maler eine große Anziehungskraft aus, wie das gleichnamige Aquarell aus dem Jahr 1924 von Paul Klee beweist.

"Pierrot lunaire" übte nicht nur auf Komponisten, sondern auch auf Maler eine große Anziehungskraft aus, wie das gleichnamige Aquarell aus dem Jahr 1924 von Paul Klee beweist.© Wikipedia "Pierrot lunaire" übte nicht nur auf Komponisten, sondern auch auf Maler eine große Anziehungskraft aus, wie das gleichnamige Aquarell aus dem Jahr 1924 von Paul Klee beweist.© Wikipedia

Berlin, vor genau 100 Jahren: Uraufgeführt wird ein völlig neuartiges Werk unter der Leitung seines Komponisten. Es ist eine Art Liederzyklus, doch statt einer Sängerin deklamiert eine Sprecherin den Text, die aber nicht frei spricht, sondern in genau notierten Tondauern und Intervallen. Ist das nun Sprache oder Gesang? Beides und keines von beiden. Statt der zu erwartenden Begleitung durch ein Klavier, ein Orchester oder ein standardisiertes Kammermusikensemble wie Streichquartett oder Klavierquintett agiert ein zusammengewürfeltes Instrumentarium: Flöte, Klarinette, Violine, Violoncello und Klavier. Die Musik ist dissonant, Tonartenbindungen sind aufgelöst, übersteigerte Emotion verbindet sich mit verdichteter Alptraumatmosphäre.

Werbung

Und was soll diese Aufführung, bei der man nicht weiß, ob das nun ein Konzert ist oder etwas Szenisches? - Handlung gibt’s keine, aber die Schauspielerin ist in einer Art Clowns-Kostüm und -Maske, die Musiker sind hinter Wandschirmen verborgen.

Das Publikum reagiert, von wenigen Ausnahmen abgesehen, zurückhaltend bis ablehnend. Die Aufführung ist ganz knapp am Skandal dran. Der Komponist, Dozent am Stern’schen Konservatorium in Berlin, hat einen gewaltigen Erfolg auf seinen Namen verbucht, nämlich den mit dem Streichsextett "Verklärte Nacht", doch das ist lange, 13 Jahre, her. In Wien, flüstern die Zuhörer untereinander, setzte es bei der Uraufführung seiner "Kammersinfonie" einen echten Skandal, viel schlimmer als der jetzige in Berlin, und nicht nur hinter vorgehaltener Hand munkelt man von fünf Orchesterstücken und einem Monodram "Erwartung", die für das menschliche Ohr nur schwer erträglich sein sollen.

Arnold Schönberg betritt in "Pierrot lunaire" musikalisches Neuland.

Arnold Schönberg betritt in "Pierrot lunaire" musikalisches Neuland.© Schönberg Center Arnold Schönberg betritt in "Pierrot lunaire" musikalisches Neuland.© Schönberg Center

Und nun eben dieser seltsame Sprechliederzyklus - wie heißt er doch gleich? - "Pierrot lunaire" nach symbolbefrachteten, kaum verständlichen Gedichten eines Belgiers namens Albert Giraud, vor langer Zeit übersetzt (oder eher nachgedichtet) von - wenigstens ein bekannter Name - Otto Erich Hartleben: Dieser Komponist hat wohl nicht alle Tassen im Schrank. Ein Österreicher ist er übrigens, außerdem, man rümpft die Nase, ein Jud’ (bitteschön, wenn sie so komponieren wie der Jacques Offenbach oder der Oscar Straus, kann man ja darüber hinwegsehen). Aber dieser Arnold Schönberg. . . Man kalauert, seine Musik rage weder wie ein Berg aus der Musik hervor noch sei sie schön. 38 Jahre ist er alt, in die Ewigkeit geht der, das ist gewiss, mit solcher, kurzes Zögern, Musik wohl nicht ein.

Alfred Döblin erkennt den Wert des "Pierrot lunaire"
Andererseits: Alfred Döblin schreibt in der Zeitschrift "Der Sturm": "Das Konzert von Schönberg im Choralionsaal letzte Woche ist von einigen, der Mehrzahl der Berliner Musikkritiker zu groben Exzessen der Witzlosigkeit benutzt worden. Und man kann nicht sagen, dass die, die gar nicht schrieben, damit einen besseren Witz gemacht haben. Die Herren scheitern eben an der kleinsten Aufgabe. Sobald man sie zu einem selbständigen Urteil zwingt, versagen sie; was nicht im Trott der Konservatoriumsliteratur liegt, die einige von ihnen sicher vorzüglich gelernt haben, bleibt unverstanden. Subalterne Intelligenzen; mit der alleinigen Fähigkeit zur Pensionsberechtigung. Theoretisch ist diese Musik unangreifbar. Bleibt Schönberg. Ich habe ihn zum ersten Mal gehört. Hördauer vierzig Minuten, zu wundervollen Texten des Albert Giraud. Sie fesselt ungemein, diese Musik; es sind Klänge, Bewegungen drin, wie ich sie noch nicht gehört habe; bei manchen Liedern hatte ich den Eindruck, dass sie nur so komponiert werden können."

Aber wer ist schon Döblin, außer einer, aus dem auch nie ’was werden wird? Und den "Sturm" gibt Herwarth Walden ohnedies nur heraus, um die kurzlebige Richtung, die sich dem Hässlichen verschrieben hat und sich "Expressionismus" nennt, zu propagieren. In ein paar Jahren kräht kein Hahn mehr danach. Wird alles vergessen sein.

Doch der Hahn kräht. Über Jahre und Jahrzehnte hin gibt er vernehmlich Laut. (Sogar die Zwangsunterbrechung von 1933 bis 1945 wird er wegstecken, nur um sich nachher noch intensiver bemerkbar zu machen.)

Zuerst merkt man es im Kollegenkreis. "Pierrot lunaire", übrigens noch im Uraufführungsjahr in Wien (ausgerechnet, dabei gilt die Kaiserstadt doch als konservativer und obendrein wesentlich antisemitischer als Berlin) fast nachdrücklich erfolgreich, findet Nachahmer. Es sind bedeutende Komponisten, die sich an dem Werk orientieren. Nur eines ist seltsam: Fast alle gehören sie zum französischen Kulturkreis.

Vielleicht werden sie aufmerksam, weil Charles Koechlin, der in seiner umfassenden Bedeutung immer noch nicht ausreichend gewürdigte Komponist und Theoretiker, das Werk propagiert. Jedenfalls schreibt Maurice Ravel 1913 "Trois poèmes de Stéphane Mallarmé", die ohne den "Pierrot lunaire" undenkbar wären. Lediglich auf die notierte Sprechstimme verzichtet Ravel und lässt normal singen. Die Sprechstimme funktioniert angesichts der subtilen Intonationen und des ebenmäßigen Rhythmus’ der französischen Sprache einfach nicht.




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-10-15 16:06:08
Letzte Änderung am 2012-10-15 16:38:14


Beliebte Inhalte



Irmgard Vilsmaier (l.) als "Brünnhilde" und Caroline Melzer als "Sieglinde" während einer Probe für "Der Ring der Nibelungen" - APAweb/HERBERT PFARRHOFER Ein Entkommen gibt es nicht, schon gar nicht für Veranstalter: Ein jedes Opernhaus, so scheint’s, steht im 200...weiter

Vor dem wahnwitzigen Gemetzel: "Galizien" als sentimental-groteskes Antikriegsstück. - Thomas Aurin
  • "Die Glembays", "Galizien" und "Agonie" von Miroslav Krlea.
  • weiter

Stets extravagant: Sierra (vorne) und Bianca Casady, die als CocoRosie firmieren. - Rodrigo Jardon
  • Interview über die miserable Situation von Frauen, die Vorhersehbarkeit von Pop - und das neue Album "Tales Of A GrassWidow".
  • weiter

"La Vie d’Adèle" ist der große künstlerische Triumph von Cannes 2013. - Festival de Cannes
  • "La Vie d’Adèle" ist der eindeutige Palmen-Favorit.
  • weiter

Unvorstellbare Grausamkeit sollen Gottfried Helnweins Arbeiten oft erklären. - Julia Stix
  • Der Künstler über Mangel an Charisma, Kunst als Trophäe und ordinäres Wienerisch.
  • weiter

Chaim Miller bereut die Morde der Gruppe nicht, jedoch, "dass wir nicht mehr gemacht haben". - 3sat
  • TV-Dokumentation zeichnet das Leben des 92-jährigen Chaim Miller nach.
  • weiter

Nachdem sich mehrere Zuschauer, von den drastischen Bühnenvorgängen geschockt, sogar in ärztliche Behandlung begeben hatten, ersuchte Meyer den Regisseur, seine Inszenierung zu modifizieren. Kosminski lehnte ab. - Foto: APAweb/Deutsche Oper am Rhein
  • Bühnenvereins-Präsident Zehelein kritisiert scharf die Düsseldorfer Oper.
  • weiter

Unvorstellbare Grausamkeit sollen Gottfried Helnweins Arbeiten oft erklären. - Julia Stix
  • Der Künstler über Mangel an Charisma, Kunst als Trophäe und ordinäres Wienerisch.
  • weiter

Am 22. Mai jährt sich der Geburtstag von Richard Wagner zum 200. Mal. Hier die Büste von Arno Breker in der Nähe des Festspielhauses in Bayreuth. - Foto: epa/Daniel Karmann
  • Auseinandersetzung mit Themen wie Individualismus, Außenseitertum und Aufarbeitung von Geschichte.
  • weiter

Das Duo Daft Punk findet sein Glück in der Disco-Ära: "Lose yourself to dance!" - David Black
  • Auf "Random Access Memories" regiert der Disco-Sound von seinerzeit.
  • weiter




Werbung





Wagners Ring an einem Abend an der Volksoper Wien

Wagnerwucht mit Stopps zum Schmunzeln

20130524DER RING DER NIBELUNGEN - APAweb/HERBERT PFARRHOFER Ein Entkommen gibt es nicht, schon gar nicht für Veranstalter: Ein jedes Opernhaus, so scheint’s, steht im 200... weiter




Eine "Winterreise" in den Wahn

Jonas Kaufmann. - apa Jonas Kaufmann bat vor seinem Liederabend im Wiener Konzerthaus für Verständnis: Nach seiner überstandenen Verkühlung sei sein Kreislauf noch... weiter




Norma

Ungewöhnlich gewöhnungsbedürftig

Die Konkurrentinnen Adalgisa und Norma. - Salzburger Festspiele Am Ende wird der Horst der Freischärler, die Schule, von ihnen selbst abgefackelt. Die Matratzen und Schulmöbel werdend um Norma und Pollione... weiter




Edita Gruberová im Wiener Musikverein

Belcanto-Lehrstunde

Triumphierte im Musikverein: Edita Gruberová. - apa/Hochmuth Ihre bis dato letzte neue Rolle präsentierte Sopranlegende Edita Gruberová in konzertanter Version im Wiener Musikverein... weiter



Neues vom Liederfürsten

Sander, Klemens / Zeyen, Justus: Franz Schubert Schwanengesang

Franz Schubert Schwanengesang Preiser Records, 1 CD, ca. 17 Euro (dawa) Ein heimisches Solodebüt. Der junge Bariton Klemens Sander, aus Oberösterreich stammend, aktuell in der Hauptstadt wirkend... weiter




Hoch sollen sie leben

30 Jahre Concilium musicum

Haydn u. a.: 30 Jahre Concilium musicum Gramola, 1 CD, ca. 18 Euro (dawa) 30 Jahre Originalklang mit dem Concilium musicum Wien, wenn das kein Grund zum Feiern ist. Kapellmeister, Komponist und Radiolegende Paul... weiter




Die Quintessenz des Klaviers

Jarnach, Lucy: Ravel, Jarnach, Bartok. Im Freien

Ravel, Jarnach, Bartok Im Freien AVI, 1 CD ca. 19 Euro (eb) Alles entweder stromlinienförmig oder absichtsvoll-justament-anders, was die jungen Pianisten von sich geben? Ja, gewiss... weiter



Gottfried Helnwein, Peinlich, 1971,

Die letzten Stufen werden noch eingekleidet, und dann kanns los gehen: Es sollte die Suche nach dem Ursprung des Universums werden - oder zumindest etwas Ähnliches. Medienkünstler Peter Weibel lud zum Auftakt in den Klangraum Minoritenkirche, um sich einem "3D-Rausch-Konzert" hinzugeben.

Ostern ist zwar schon vorbei, aber der Hase hat nach wie vor Saison. (Probenfoto) Kein Engel, sondern Justin:  Ein Countdown auf dem Bühnen-Screen kündigte gegen 21.00 Uhr den  Pop- und Social Media-Stars an, rund 14.000 Fans kreischten  im Minutentakt


Werbung