
Berlin, vor genau 100 Jahren: Uraufgeführt wird ein völlig neuartiges Werk unter der Leitung seines Komponisten. Es ist eine Art Liederzyklus, doch statt einer Sängerin deklamiert eine Sprecherin den Text, die aber nicht frei spricht, sondern in genau notierten Tondauern und Intervallen. Ist das nun Sprache oder Gesang? Beides und keines von beiden. Statt der zu erwartenden Begleitung durch ein Klavier, ein Orchester oder ein standardisiertes Kammermusikensemble wie Streichquartett oder Klavierquintett agiert ein zusammengewürfeltes Instrumentarium: Flöte, Klarinette, Violine, Violoncello und Klavier. Die Musik ist dissonant, Tonartenbindungen sind aufgelöst, übersteigerte Emotion verbindet sich mit verdichteter Alptraumatmosphäre.
Und was soll diese Aufführung, bei der man nicht weiß, ob das nun ein Konzert ist oder etwas Szenisches? - Handlung gibts keine, aber die Schauspielerin ist in einer Art Clowns-Kostüm und -Maske, die Musiker sind hinter Wandschirmen verborgen.
Das Publikum reagiert, von wenigen Ausnahmen abgesehen, zurückhaltend bis ablehnend. Die Aufführung ist ganz knapp am Skandal dran. Der Komponist, Dozent am Sternschen Konservatorium in Berlin, hat einen gewaltigen Erfolg auf seinen Namen verbucht, nämlich den mit dem Streichsextett "Verklärte Nacht", doch das ist lange, 13 Jahre, her. In Wien, flüstern die Zuhörer untereinander, setzte es bei der Uraufführung seiner "Kammersinfonie" einen echten Skandal, viel schlimmer als der jetzige in Berlin, und nicht nur hinter vorgehaltener Hand munkelt man von fünf Orchesterstücken und einem Monodram "Erwartung", die für das menschliche Ohr nur schwer erträglich sein sollen.

Und nun eben dieser seltsame Sprechliederzyklus - wie heißt er doch gleich? - "Pierrot lunaire" nach symbolbefrachteten, kaum verständlichen Gedichten eines Belgiers namens Albert Giraud, vor langer Zeit übersetzt (oder eher nachgedichtet) von - wenigstens ein bekannter Name - Otto Erich Hartleben: Dieser Komponist hat wohl nicht alle Tassen im Schrank. Ein Österreicher ist er übrigens, außerdem, man rümpft die Nase, ein Jud (bitteschön, wenn sie so komponieren wie der Jacques Offenbach oder der Oscar Straus, kann man ja darüber hinwegsehen). Aber dieser Arnold Schönberg. . . Man kalauert, seine Musik rage weder wie ein Berg aus der Musik hervor noch sei sie schön. 38 Jahre ist er alt, in die Ewigkeit geht der, das ist gewiss, mit solcher, kurzes Zögern, Musik wohl nicht ein.
Alfred Döblin erkennt den Wert des "Pierrot lunaire"
Andererseits: Alfred Döblin schreibt in der Zeitschrift "Der Sturm": "Das Konzert von Schönberg im Choralionsaal letzte Woche ist von einigen, der Mehrzahl der Berliner Musikkritiker zu groben Exzessen der Witzlosigkeit benutzt worden. Und man kann nicht sagen, dass die, die gar nicht schrieben, damit einen besseren Witz gemacht haben. Die Herren scheitern eben an der kleinsten Aufgabe. Sobald man sie zu einem selbständigen Urteil zwingt, versagen sie; was nicht im Trott der Konservatoriumsliteratur liegt, die einige von ihnen sicher vorzüglich gelernt haben, bleibt unverstanden. Subalterne Intelligenzen; mit der alleinigen Fähigkeit zur Pensionsberechtigung. Theoretisch ist diese Musik unangreifbar. Bleibt Schönberg. Ich habe ihn zum ersten Mal gehört. Hördauer vierzig Minuten, zu wundervollen Texten des Albert Giraud. Sie fesselt ungemein, diese Musik; es sind Klänge, Bewegungen drin, wie ich sie noch nicht gehört habe; bei manchen Liedern hatte ich den Eindruck, dass sie nur so komponiert werden können."
Aber wer ist schon Döblin, außer einer, aus dem auch nie was werden wird? Und den "Sturm" gibt Herwarth Walden ohnedies nur heraus, um die kurzlebige Richtung, die sich dem Hässlichen verschrieben hat und sich "Expressionismus" nennt, zu propagieren. In ein paar Jahren kräht kein Hahn mehr danach. Wird alles vergessen sein.
Doch der Hahn kräht. Über Jahre und Jahrzehnte hin gibt er vernehmlich Laut. (Sogar die Zwangsunterbrechung von 1933 bis 1945 wird er wegstecken, nur um sich nachher noch intensiver bemerkbar zu machen.)
Zuerst merkt man es im Kollegenkreis. "Pierrot lunaire", übrigens noch im Uraufführungsjahr in Wien (ausgerechnet, dabei gilt die Kaiserstadt doch als konservativer und obendrein wesentlich antisemitischer als Berlin) fast nachdrücklich erfolgreich, findet Nachahmer. Es sind bedeutende Komponisten, die sich an dem Werk orientieren. Nur eines ist seltsam: Fast alle gehören sie zum französischen Kulturkreis.
Vielleicht werden sie aufmerksam, weil Charles Koechlin, der in seiner umfassenden Bedeutung immer noch nicht ausreichend gewürdigte Komponist und Theoretiker, das Werk propagiert. Jedenfalls schreibt Maurice Ravel 1913 "Trois poèmes de Stéphane Mallarmé", die ohne den "Pierrot lunaire" undenkbar wären. Lediglich auf die notierte Sprechstimme verzichtet Ravel und lässt normal singen. Die Sprechstimme funktioniert angesichts der subtilen Intonationen und des ebenmäßigen Rhythmus der französischen Sprache einfach nicht.
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