Wien. Nachdem sich Wien Modern Mitte der Neunzigerjahre von der Idee der Schwerpunktkomponisten verabschiedet hatte, legt Österreichs größtes Festival für zeitgenössische Musik den Fokus heuer wieder auf eine einzelne Komponistenpersönlichkeit. Genau genommen ist es eine Komponistin, deren Werk in insgesamt acht Konzerten, einer Filmschau und einer Ausstellung so umfassend wie hierzulande nie zuvor gewürdigt wird.

Einerseits wenig überraschend: Olga Neuwirth ist selbst Leuten ein Begriff, die sich kaum je in ein Neue-Musik-Konzert verirren. Doch ganz so selbstverständlich ist es dann doch wieder nicht: Zwar wurde der Künstlerin 2010 der Große Österreichische Staatspreis verliehen. Doch ging die letzte Premiere der gebürtigen Grazerin - die Berg-Adaption "American Lulu" - soeben in Berlin über die Bühne. Das Musiktheater "The Outcast" wurde vergangenen Mai in Mannheim uraufgeführt. Und auch sonst erblickten Neuwirths Kompositionen in den letzten Jahren eher im Aus- denn im Inland das Licht der Welt.
Um es auf den Punkt zu bringen: Olga Neuwirths Verhältnis zu Österreich lässt sich als ambivalent umschreiben. Es ist von herben Enttäuschungen, punktuellen Ehrungen und wiederholten Fluchtbestrebungen gekennzeichnet.
Bereits unmittelbar nach der Matura suchte die heute 44-Jährige erstmals das Weite: In San Francisco studierte sie ein Jahr lang nicht nur Komposition, sondern auch Malerei und Film. Dieser frühe Auslandsaufenthalt war ein doppelter Ausbruch: einmal aus der Enge des österreichischen Kulturbetriebes der Achtzigerjahre, den die junge Künstlerin als konservative Männerwelt erlebte. Zum anderen aus einem Kunstverständnis, in dem die einzelnen Sparten säuberlich getrennt nebeneinander stehen.
Schwerpunkt Film
Olga Neuwirth empfand die Beschränkung auf eine einzelne Ausdrucksform stets als unnatürlich. Literatur, Architektur und visuelle Elemente spielen in ihrem Werk denn auch eine größere Rolle als in dem der meisten Komponisten, sind mehr als Inspirationsquelle und schmückendes Beiwerk. Besonders das Medium Film ist bedeutsam für das Schaffen von Olga Neuwirth, die für eine Vielzahl an Filmmusiken, Kompositionen mit Video-Zuspielung und eigene filmische Arbeiten verantwortlich zeichnet.
Für "The Long Rain", im Jahr 2000 beim "steirischen herbst" uraufgeführt, ließen sich die Komponistin und der Regisseur Michael Kreihsl durch eine albtraumartige Kurzgeschichte von Ray Bradbury zu einer gemeinsamen Arbeit anregen, in der Musik und Film die klaustrophobische Atmosphäre der Vorlage in ihre je eigene Sprache übersetzen. Im Rahmen eines Kurzfilm-Screenings unter dem Titel "Music for Films" ist "The Long Rain" zusammen mit anderen filmischen Arbeiten der Komponistin am 4. November bei Wien Modern zu sehen. Mit der leicht überarbeiteten Konzertfassung "Construction in Space" wird das Klangforum Wien am 6. November die klassizistische Säulenarchitektur des Odeon bespielen.
Nicht nur Olga Neuwirths spartenübergreifender Ansatz macht ihre Kunst zu einem Spiegel einer zunehmend von Interdisziplinarität geprägten Gegenwart. Auch durch das differenzierte Einbeziehen elektronischer Medien zeigt sich die Komponistin technisch ganz auf der Höhe der Zeit.
Gruß in Richtung Pop
Dass sie dabei keinerlei Berührungsängste mit vermeintlich trivialen Formen von Kultur kennt, zeigt schon ihre "Hommage à Klaus Nomi", die am Eröffnungsabend von Wien Modern zu hören sein wird. Der Pop-Countertenor, der in den frühen Achtzigerjahren mit futuristischen Bühnenshows die New-Wave-Ästhetik prägte, verkörpert für die Komponistin die Außenseiterposition des Künstlers, die Gesellschaftskritik erst möglich macht.
Mit Kritik hat sie selbst nie gespart: Weder an der Regierungsbeteiligung der FPÖ ("Ich lasse mich nicht wegjodeln") noch an der geringen Wertschätzung zeitgenössischer Musik. Vielleicht ermöglichte ihr dabei gerade der Umstand, dass sie mehr als andere Kollegen (und vor allem Kolleginnen) im Rampenlicht stand, um auf Missstände aufmerksam zu machen, unter denen Komponisten hierzulande insgesamt zu leiden haben: schlechte Auftragslage, prekäre Lebensbedingungen, mangelnde gesellschaftliche Anerkennung. "Diese Musik", resümierte sie einmal kategorisch, "hat in Österreich keinen Stellenwert." Ob es Wien Modern gelingen wird, Olga Neuwirth vom Gegenteil zu überzeugen?
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