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  • vom 12.12.2012, 14:55 Uhr

Klassik/Oper

Update: 12.12.2012, 15:38 Uhr

Zeitgeschichte

Im Räderwerk der Diktatur




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Von Edwin Baumgartner

  • Alexander Lokschins Musik wird allmählich dem Archiv-Dasein entrissen
  • Von der Sowjetmacht unterdrückt und von Dissidenten verleumdet.

Wien. Dass eine Diktatur einen, aus welchen Gründen auch immer, missliebigen Künstler unterdrückt, ist Alltag der Un-Demokratie. Dass die Werke dieses Komponisten, denn um einen solchen handelt es sich im konkreten Fall, auf Tonträger aufgenommen werden, die allerdings offenbar nur für das Archiv gedacht waren, ist indessen ein Kuriosum.

Von Alexander Lokschin gibt es kaum Fotos. Eine der wenigen Darstellungen ist das Porträt von Tatyana Apraksina.

Von Alexander Lokschin gibt es kaum Fotos. Eine der wenigen Darstellungen ist das Porträt von Tatyana Apraksina.© wikipedia Von Alexander Lokschin gibt es kaum Fotos. Eine der wenigen Darstellungen ist das Porträt von Tatyana Apraksina.© wikipedia

Das mittlerweile privatisierte russische CD-Label Melodiya kann dadurch jetzt und in Zukunft auf Aufnahmen der Werke von Alexander Lokschin zurückgreifen, die Spitzendirigenten wie Arvid Jansons oder Rudolf Barschai dirigieren. Eingespielt wurden die meisten (aber eben nicht alle) Aufnahmen erst, nachdem Generalsekretär Michail Gorbatschow die Sowjetunion auf Pere-stroika-Kurs gebracht hatte.


Lokschins Schicksal ist charakteristisch für die Absurditäten des sowjetischen Musiklebens. Genau genommen, hat sich der am 19. September 1920 in Biysk (Region Altai, Sibirien) geborene Komponist nichts, nicht einmal einen Verstoß gegen die Maximen der KPdSU zuschulden kommen lassen. Er absolviert in seiner Heimat ein Klavierstudium, wechselt nach Moskau, um etwa bei Nikolai Miaskowski Komposition zu studieren, leistet während des Zweiten Weltkriegs kurz Dienst in der Roten Armee, wird wegen seiner angegriffenen Gesundheit entlassen, worauf er als Feuerwehrmann Kriegsdienst leistet, ehe er nach Novosibirsk evakuiert wird. 1945 erhält er einen Posten als Lektor für Instrumentierung am Moskauer Konservatorium. Er wird ihn nicht lange behalten.

Ein erstes Problem mit der Obrigkeit gibt es bereits 1939: Lokschins Examensarbeit, ein "Vokalsinfonisches Poem" namens "Les fleurs du mal" wird von der Prüfungskommission zurückgewiesen. Man beanstandet nicht Lokschins Musik, sondern seine Textwahl: Die dem Werk zugrunde liegenden Gedichte von Charles Baudelaire gelten als dekadent.

Und noch etwas hängt Lokschin nach: Er ist Jude.

Nun gibt es zwar in der Sowjetunion zuerst keinen offiziellen Antisemitismus, sobald sich Juden assimilieren (sogar das Jiddische wird gefördert), doch der in Russland seit Jahrhunderten fest verwurzelte Antisemitismus ist nicht auszurotten.

Antisemitismus kocht hoch
1948 werden dann ohne konkreten Anlass sämtliche jüdischen kulturellen Einrichtungen liquidiert, 1949 wird das antifaschistische Komitee aufgelöst, seine Mitglieder werden verhaftet. Jetzt führen auch sowjetische Zeitungen eine Kampagne gegen "wurzellose Kosmopoliten", mit denen die Juden gemeint sind. Der Antisemitismus hält sich mehr oder minder offen bis zu Gorbatschows Perestroika.

Es ist bezeichnend, dass Lokschin 1948 seinen Posten am Moskauer Konservatorium verliert. Der Vorwand ist, er habe mit seinen Studenten unerwünschte Musik durchgenommen: Gustav Mahler, Alban Berg, Igor Strawinski und Dmitri Schostakowitsch. Nun muss Lokschin, wie so viele in Ungnade gefallene Komponisten, mit Filmmusik seinen Lebensunterhalt verdienen.

Doch die wirkliche Katastrophe für Lokschin kommt kurz nach Stalins Tod - und von unerwarteter Seite: Der Dissident Alexander Jessenin-Volpin, Sohn des Dichters Sergej Jessenin, bezichtigt Lokschin, ein Agent des KGB zu sein und für seine, Jessenin-Volpins, Verhaftung gesorgt zu haben. Die Behauptung spricht sich, obwohl an ihr nichts dran ist, als Gerücht in Künstlerkreisen herum. Jetzt will niemand mehr mit Lokschin zu tun haben.

Seine an Mahler und Berg orientierte Musik, die eine für die Sowjetunion ungewöhnlich avancierte Position einnimmt, ist immerhin so stark, dass sie vereinzelt aufgeführt und eben auch eingespielt wird. Doch mit Ausnahme von Barschai setzt sich niemand dafür ein, Lokschins Musik einer breiteren Zuhörerschaft nahezubringen.

Von den sowjetischen Behörden unterdrückt, von deren Gegnern als angeblicher KGB-Agent verleumdet, stirbt Lokschin 1987 in Moskau als ein Künstler, der im Grunde immer unpolitisch war, nur Künstler sein wollte und im Räderwerk sowohl einer Diktatur als auch ihrer Gegner zermahlen wurde. Viel absurder kann ein Schicksal wohl kaum sein.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2012-12-12 14:59:07
Letzte Änderung am 2012-12-12 15:38:30



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