• vom 17.05.2013, 13:40 Uhr

Klassik/Oper


Musikwissenschaft

Ein Meister des ganz Kleinen




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Von Simone Lauterbour

  • Als Titan verehrt und selbst dem Größenwahn verfallen, war Richard Wagner indes, wie schon Friedrich Nietzsche feststellte, der "größte Miniaturist der Musik". - Ein persönliches Plädoyer für das Pianissimo.

". . . seine eigentlichen Meisterstücke, welche alle sehr kurz sind . . .": Friedrich Nietzsche über Richard Wagner. - © Abbildung: klassikakzente

". . . seine eigentlichen Meisterstücke, welche alle sehr kurz sind . . .": Friedrich Nietzsche über Richard Wagner. © Abbildung: klassikakzente

Als eine Musikwissenschafterin mit hoher Affinität zu Richard Wagner sehe ich mich immer wieder mit derselben, klischeehaften Ablehnung des Phänomens Wagner konfrontiert, ja stellte bei mir selbst zuweilen einen seltsamen Unmut diesem Titanen gegenüber fest, für den die Literatur hauptsächlich Superlative (er-)findet: der Tristan als "Gipfel und Ende der Romantik", die "unendliche" Melodie, "der Letzte der Titanen" (Joachim Köhler), das "wahrscheinlich größte Talent aller Kunstgeschichte" (Thomas Mann) . . .

Selbst Wagner-Marken tendieren zur (Über-)Größe . . .

Selbst Wagner-Marken tendieren zur (Über-)Größe . . .© Foto: epa/Jan Woitas Selbst Wagner-Marken tendieren zur (Über-)Größe . . .© Foto: epa/Jan Woitas

Tatsächlich hat Wagner Großes angestrebt. Tatsächlich kann man seine Werke als fast größenwahnsinnige Gesten betrachten, Bayreuth, dieses aus dem Nichts geschaffene Mekka, einem (mehrmals entweihten) Tempel gleichsetzen. Willen und Ehrgeiz des "Kunstmessias" hielten sich an keinerlei Grenzen. Mit seinem Spätwerk versuchte er nichts Geringeres, als den Weltenprozess als Ganzes einzufangen, der Menschheit und somit sich selbst ein Erlösungskonzept anzubieten, bei dem Ekstase und Katharsis nicht nur Werkzeug sind, sondern bei genauer Betrachtung zum Selbstzweck werden. Ja, der emotionale Exzess scheint die einzige Konstante angesichts eines ideologischen Konglomerats, das ebenso konfus wie doppeldeutig ist, wo Askese zum Sinnesrausch wird und sich Weltverneinung und Lebensgier die Hand reichen.


Nur einen Takt lang. . .

Information

Literatur:
Theodor W. Adorno: Versuch über Wagner. in: Die musikalischen Monographien. Suhrkamp, 1971.
Joachim Köhler: Der letzte der Titanen. Claassen, 2001.
Friedrich Nietzsche: Der Fall Wagner. Deutscher Taschenbuchverlag, 1999.
Friedrich Nietzsche: Nietzsche contra Wagner. Deutscher Taschenbuchverlag, 1999.
Thomas Mann: Wagner und unsere Zeit. Fischer Taschenbuchverlag, 1983.
Joachim Kaiser: Leben mit Wagner. Albrecht Knaus, 1998.

Wagners Werk steht in seiner Ambivalenz für alle Interpretationen weit offen, und so haben sich die Deutschen einen Wagner zurechtgemacht, den sie verehren können, wie Nietzsche so treffend bemerkte. Er jedoch, der Abtrünnige, hat Wagner nicht mehr verehrt, doch hat er ihn bis zuletzt geliebt. Und mit der Hellsichtigkeit des hilflos Liebenden hat er erfasst, was Wagners Musik, über die Moden hinweg und allen politischen Bedenken zum Trotz, unsterblich macht. Er hat erkannt, dass es das Kleine ist, das Wagner groß macht, dass seine wahre Größe sich im Intimsten, Heimlichsten verbirgt.

" . . . als Orpheus alles heimlichen Elends ist er größer als irgend Einer, und Manches ist durch ihn überhaupt erst der Kunst hinzugefügt worden, was bisher unausdrücklich und selbst der Kunst unwürdig erschien - die cynischen Revolten zum Beispiel, deren nur der Leidendste fähig ist, insgleichen manches ganz Kleine und Mikroskopische der Seele, gleichsam die Schuppen ihrer amphibischen Natur -, ja er ist der Meister des ganz Kleinen. Aber er will es nicht sein! Sein Charakter liebt vielmehr die großen Wände und die verwegene Wandmalerei! . . . Es entgeht ihm, dass sein Geist einen andren Geschmack und Hang - eine entgegengesetzte Optik - hat und am liebsten still in den Winkeln zusammengestürzter Häuser sitzt: da, verborgen, sich selber verborgen, malt er seine eigentlichen Meisterstücke, welche alle sehr kurz sind, oft nur einen Takt lang, - da erst wird er ganz gut, groß und vollkommen, da vielleicht allein . . ." (Friedrich Nietzsche).

Zwar widerspricht sich der Philosoph in seinen zahlreichen Wagner-Schriften, verstrickt sich in der eigenen Dialektik, preist auf der einen Seite, was er auf der nächsten zu verdammen scheint, und das mit einer ungeheuren sprachlichen Virtuosität und Überzeugungskraft. In seinem Anspruch des Absoluten ist Nietzsche Wagner keineswegs unähnlich. Doch in dem schier unübersichtlichen Wald an Literatur, die Wagners Wesen und Werk bis in die kleinsten Winkel auszuleuchten sucht, bleibt seine Wagner-Kritik bis heute unerreicht.

Der "größte Miniaturist der Musik" (Nietzsche) ist in vielerlei Hinsicht ein Meister des seelischen wie des musikalischen Details. Musikalisch gesehen atomisiert er das Material. Seine kurzen Motive zerlegt er in ihre Bestandteile, webt aus kleinsten Zellen einen gigantischen Klangteppich, ein "symphonisches Netz des Unbewussten" (Kaiser). Wagners Spielplatz war die menschliche Seele, mit seiner Leitmotivik illustrierte er deren immanente Zerrissenheit.

Minimale Änderungen
Er machte die Musik wie niemand vor ihm zum Werkzeug psychologischer Anspielungen, des Halbgesagten, ja, nur Halbgedachten. Seiner Tendenz zur Veräußerlichung steht eine Innigkeit entgegen, die den Zuhörer letztlich in die Knie zwingt. Denn wer Wagners Wirkung mit Bombast und leerem Pathos gleichsetzt, hat verabsäumt, auch bei seinem Pianissimo hinzuhören.

Nicht zufällig bildet die Intimste aller Liebesgesten, der Blick, den kausalen Ursprung zweier Hauptwerke, des "Parsifal" und, offensichtlicher, des "Tristan". Und so wie sich die Handlung aus einem einzigen, folgenschweren Blick entspinnt, so bildet auch das musikalische Motiv jenes Blickes die Keimzelle, aus der sich Tonsprache und Motivik der ganzen "Oper" entwickeln. Es entstehen Motive, deren allegorische Bedeutung manchmal durch minimale Veränderungen in ihr Gegenteil verkehrt wird, wie man es an der Tag- und Nachtdialektik des Tristan beobachten kann. So resultiert etwa das Motiv der "Todesdrohung" aus einer einfachen Umkehrung der "Blicksext". Das sich aus dem Tristanakkord lösende "Sehnsuchtsmotiv" ist kaum mehr als eine aufsteigende, chromatische Scala, die erst im harmonischen Zusammenhang ihre einmalige Ausdruckskraft erlangt. Die Grenzen zwischen den Motiven verlaufen fließend, die sich herausbildenden Gestalten bleiben seltsam amorph, sodass einzelne Bausteine ein Eigenleben entwickeln und sich zu wieder neuen Allegorien zusammenschließen können.

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Dokument erstellt am 2013-05-17 11:48:06
Letzte ńnderung am 2013-05-17 13:33:01



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