• vom 02.08.2013, 09:55 Uhr

Klassik/Oper

Update: 02.08.2013, 10:45 Uhr

Salzburger Festspiele

"Wagner suchte sein Heil"




  • Artikel
  • Lesenswert (2)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Christoph Irrgeher

  • Regisseur Stefan Herheim über Nazi-Assoziationen, ein utopisches Deutschland und Buhrufe.
  • Er inszeniert in Salzburg "Die Meistersinger von Nürnberg", Premiere ist am Freitag

Staatstragender Stolzing: Roberto Sacca (l.) in einer Probe vor der Festspielpremiere.

Staatstragender Stolzing: Roberto Sacca (l.) in einer Probe vor der Festspielpremiere.© epa/Barbara Gindl Staatstragender Stolzing: Roberto Sacca (l.) in einer Probe vor der Festspielpremiere.© epa/Barbara Gindl

Als Stefan Herheim erstmals in Salzburg inszenierte, konnte er über mangelnde Aufmerksamkeit nicht klagen: Seine Neudeutung der "Entführung aus dem Serail" - ohne Serail, doch mit neuen Dialogen - geriet zur Skandal-Produktion des Jahres 2003. Nun ist der bildermächtige Norweger zurück und verantwortet die Opernpremiere der "Meistersinger von Nürnberg". Ein Gespräch über Deutschland, Wagner und Buhrufe.

Information

Zur Person:
Stefan Herheim wurde 1970 in Oslo geboren; während der 90er Jahre studierte er Opernregie in Hamburg. Die Zeitschrift "Opernwelt" kürte den Norweger, der unter anderem in Bayreuth, doch auch Graz reüssierte, bereits dreimal zum Regisseur des Jahres.


"Wiener Zeitung":Worum geht es für Sie in den "Meistersingern"?

Stefan Herheim: Um Meistersinger. Es gibt vor allem zwei in dem Stück; der eine heißt Hans Sachs, der andere Sixtus Beckmesser. Ich lege das so aus, weil Beckmesser eine von Wagner selbst ziemlich verratene Figur ist: derjenige, dem dann auch Hans Sachs alles, womit er sich im eigenen Selbstbild nicht abfinden kann, in den Schuh steckt. Darüber hinaus geht es natürlich um eine ziemliche Deutschtümelei, die für uns mit unseren heutigen Ohren kaum mehr wegzudenken ist und natürlich damit assoziiert wird, was aus Wagner im "Dritten Reich" wurde.

Sind nicht schon genug Regisseure auf den NS-Parallelen rumgeritten?

Aber das ist nicht mein Thema. Ich sage nur: Wir schaffen es nicht, die Assoziation auszublenden. Wir hören die Heil-Rufe allerdings in einem Klangraum, in den sie eigentlich gar nicht gehören. Deswegen bin ich bemüht, zu zeigen: Das Werk hat nichts mit dem 20. Jahrhundert zu tun, sondern ist allein aus dem 19. heraus zu verstehen; aus den politischen Bedingungen jener Zeit, in der Wagner in einem Deutschland aufwächst, das überhaupt noch nicht als Deutschland existiert.

"Heil" war da ja nichts Anstößiges.

Überhaupt nicht. Das muss man christlich konnotieren. Wagner baut, auch mit alt- und neutestamentarischen Anleihen, in einer unglaublichen Assoziationsfülle ein dramaturgisches Regelwerk zusammen für sein Gesamtkunstwerk. Das ist eine unglaubliche schöpferische Leistung, und in diesem Geist muss dieses "Heil" verstanden werden; da sucht jemand sein eigenes Heil, und das wird auch auf eine gar nicht existierende Gesellschaft übertragen. Als deutscher Künstler baut sich Wagner mit dem Vorbild Nürnberg aus der Renaissancezeit ein utopisches Städtchen zusammen, das Pate sein soll für ein künftiges Deutschland, das so nie Realität wird.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2015
Dokument erstellt am 2013-08-01 17:08:08
Letzte ─nderung am 2013-08-02 10:45:52



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Dekorative Liebschaften
  2. Nach Depardieu: Ukraine erstellt Liste "befreundeter" Künstler
  3. Durchatmen in Wien
  4. auslöschung
  5. Im Vorbeifahren
Meistkommentiert
  1. Die Maus, das Land, das Geld
  2. "Hielten sich für Captain Kirk"
  3. Die Utopie-Probierer
  4. Tom Cruise ist immer fit
  5. Authentizität und Leidenschaft

Werbung



Lohner 1987 als der Teufel in dem Theaterstück "Jedermann" von Hugo von Hofmannsthal bei den Salzburger Festspielen.

Mans Zelmerlöw  aus Schweden, der Gewinner. Palmyras antike Skulpturen. 

Blick durch die Palme auf den Hafen von Cannes zum 68. Filmfestival. Im Westen gibt es zahlreiche verzerrte Vorstellungen über japanische Popkultur: Grelle Farben, stetiges Geplapper, auf und ab hüpfende Manga-Figuren und J-Pop-Musik, die alles mit flotten Bässen begleitet.


Werbung