• vom 13.09.2013, 16:27 Uhr

Klassik/Oper

Update: 13.09.2013, 23:29 Uhr

Anne-Sofie von Otter

Die Lady als Freak




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Von Lena Draiæ

  • Anne-Sofie von Otter steht ab Montag wieder auf der Bühne des Theaters an der Wien
  • Die Sängerin alsJahrmarkt-Attraktion in Strawinskys "The Rake’s Progress".

In Martin Kuejs Inszenierung ist Anne-Sofie von Otter die Bearded Lady - ohne Bart. - © H. Prammer

In Martin Kuejs Inszenierung ist Anne-Sofie von Otter die Bearded Lady - ohne Bart. © H. Prammer

Wien. Am Montag wird sich Anne-Sofie von Otter wieder einen Plastikpimmel umschnallen und damit vor den sensationslüsternen Paparazzi posieren. Nur auf der Bühne freilich, genau genommen jener des Theaters an der Wien, wo sie zum zweiten Mal in Strawinskys Oper "The Rake’s Progress" zu erleben ist. In der Rolle der Jahrmarkt-Attraktion Baba the Turk, die in Martin Kuejs Inszenierung statt eines Barts ein noch unzweideutigeres Männlichkeitsattribut ihr Eigen nennt, ist sie die komische Figur einer ansonsten an Unglücksraben reichen Handlung. Die Bearded Lady - nichts als ein Freak? Ja, so die Mezzosopranistin, aber: "Auch Freaks sind richtige Menschen." Wie es ihr damit gehe, auf der Bühne groteske Figuren darzustellen? Gut, denn Abwechslung ist für die 58-Jährige unerlässlich, was sich auch in ihrem breit gefächerten Repertoire niederschlägt. Gerade die Musik der letzten 100 Jahre spielt da, weit über Strawinsky hinaus, eine bedeutende Rolle: "Nach Mozart und Richard Strauss ist Neue Musik wie ein Reinigungsbad."

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Crossover der Opernsänger
Aber auch im Pop fühlt sie sich zu Hause, wie etwa ihre CD mit Abba-Songs belegt. Auf die Frage, wie sie den Crossover-Boom am Klassikmarkt beurteilt, antwortet sie mit einem Appell an die differenzierte Wahrnehmung: "Am Anfang haben alle gesagt, Opernsänger können nicht Jazz oder Pop singen. Und es gab auch viele richtig schlechte Beispiele." Aber es gebe eben auch solche, die es könnten: "Ich finde, Renée Fleming kann das gut, und ich kann es auch gut. Und es gibt noch ein paar." Darum kombiniert Anne Sofie von Otter auf ihrem neuen Doppelalbum, das demnächst in den Handel kommt, auch französische Kunstlieder mit Chansons von Yves Montand, Barbara oder Léo Ferré. Der Chanson hat es ihr besonders angetan: "Da gibt es viele Berührungspunkte mit der klassischen Musik." Auch privat hört sie mit Begeisterung Yves Montand, so dies nicht an technischen Gebrechen scheitert: "Seit dasGerät in unserer Küche kaputt ist, höre ich fast nichts mehr."

Wenn doch, dann viel Jazz und immer wieder französische Barockmusik, vor allem die Aufnahmen von Marc Minkowski. Der war es auch, der sie ermutigte, ihren Vertrag bei der Deutschen Grammophon zu kündigen. Von dort hat sie ebenso wie der Kollege zum französischen Label Naïve gewechselt, bei dem sie zuletzt ein Album mit italienischer Barockmusik veröffentlichte. Der Grund für den Wechsel? "Die Deutsche Grammophon hat ein bisschen das Interesse an mir verloren. Ich wurde älter, und das Label wollte immer neue Gesichter, alles musste neu und sexy sein. Man hat es an ihren Augen gesehen, dass Von Otter nicht mehr so interessant war."

Keine Hochglanz-Diva
Dem Bild einer Hochglanz-Diva hat die Schwedin jedenfalls nie entsprochen: "Ich möchte nicht im Mittelpunkt stehen. Ja, ich kaufe mir auch die Zeitung und lese das Neueste über Anna Netrebko und Elina Garanča, ich finde das lustig. Aber ich bin froh, dass man nicht über mich schreibt. Das Privatleben darf das klingende Resultat nicht überschatten." Ein bisschen Groll schwingt mit, wenn Von Otter über die Aufmerksamkeit spricht, die medienaffineren Vertretern ihrer Brache entgegengebracht wird: "Man könnte glauben, dass es außer Anna Netrebko und Erwin Schrott keine Sänger gibt. Wenn dann einer von uns anderen eine neue CD herausbringt, interessiert das kaum jemanden. Stattdessen heißt es dauernd: ,Ah, Anna Netrebko hat eine neue Verdi-CD aufgenommen!‘ Das ist schade, weil die Leute auf diese Weise viel schöne Musik verpassen."

Schöne Musik ist auch in Strawinsky eklektizistischer Partitur zu finden, die die Sängerin ab nächster Woche wieder beschäftigen wird. Martin Kuej wiederum musste für seine Inszenierung auch Kritik einstecken. Zu Unrecht, wie Anne Sofie von Otter meint, die zum Abschluss noch eine Lanze für das Regietheater bricht: "Ich finde, man muss verschiedene Sachen ausprobieren. Die Oper ist kein Museum. Kuej ist ein begnadeter Regisseur!"




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2014
Dokument erstellt am 2013-09-13 16:32:04
Letzte Änderung am 2013-09-13 23:29:42



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