• vom 08.01.2015, 15:39 Uhr

Klassik/Oper


Revolutionsjahr 1848

Vom Klang der Revolution




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Von Juri Giannini und Fritz Trümpi

  • Die Musikwissenschafterin Barbara Boisits hat einen umfangreichen Sammelband zu Musik und Revolution herausgegeben.

Keine Revolution kommt ohne Musik aus, und dennoch wird dieser Zusammenhang selten thematisiert. Die Musikwissenschafterin Barbara Boisits hat diesem Manko ein Stück weit Abhilfe geschaffen und einen umfangreichen Sammelband mit dem prägnanten Titel "Musik und Revolution" herausgegeben. Geografisch umfasst der Sammelband im Wesentlichen die Länder der ehemaligen Donaumonarchie. Mit Blick auf das heutige Österreich betonte die Herausgeberin im Gespräch, dass 1848 als "historische Schnittstelle" in der österreichischen Erinnerung nach wie vor keinen Platz habe: "Andere Erinnerungsorte wie 1914, 1934 oder 1955 dominieren eindeutig unser kulturelles Gedächtnis." Paradoxerweise hat sich die Musik der Restauration durchgesetzt - Boisits nennt als Beispiel den "Radetzkymarsch" von Johann Strauß Vater. "Er wird alljährlich als Zugabe des Neujahrskonzerts der Wiener Philharmoniker einem hochbegeisterten Publikum des Bürgertums serviert. Genau jener sozialen Schicht also, die 1848 gegen das reaktionäre Regime, zu dessen wesentlichen Repräsentanten Radetzky zählte, aufbegehrt und bekämpft hat."

Umwälzung und Oper - in Italien bis heute verbunden
Paradoxerweise aber auch darum, weil die Musikproduktion durch die 1848er-Revolution buchstäblich mitrevolutioniert wurde, indem sie sich stark popularisierte. Dies hing damit zusammen, dass der Bedarf an Revolutionsmusik überaus groß war: Die Kompanien der Nationalgarden, der akademischen Legion unter großer Beteiligung der Studenten oder Männerchöre - alle wollten sie ihre eigenen Lieder und Märsche. Musik erklang bei Fackelzügen, Fahnenweihen, überhaupt im öffentlichen Raum, in den Straßen und auf Plätzen, aber auch in den Salons und in Konzerten.


In den Revolutionsmonaten fand eine deutlich erkennbare Verschiebung der Musikaufführungen statt: Aus pragmatischen Gründen nahmen Vorstellungen in etablierten Konzerträumen ab, während der öffentliche Raum ungleich häufiger bespielt wurde als zuvor. Wie sich dies genau manifestierte, erforschte ein international zusammengestelltes 29-köpfiges Autorenteam. Die einzelnen Beiträge beschäftigen sich mit Repertoirefragen, der Musikrezeption in der zeitgenössischen Presse, der Bedeutung konterrevolutionärer Aktionen für die Musik oder die längerfristigen Auswirkungen der "Märzrevolution".

Insbesondere was diese Folgewirkungen angeht, sind große nationale Unterschiede festzustellen. Boisits betont etwa, dass dem revolutionären Musikrepertoire im heutigen Ungarn nach wie vor große Bedeutung zukomme. Auch in Italien sei die Verbindung zwischen Revolution und Oper nach wie vor ein Topos der nationalen Musikgeschichtsschreibung, die sich stark auf Verdi zentriert. Eine ähnliche Situation erkennt Boisits in Deutschland: "Dort konzentriert sich alles auf Wagner, der ja auch tatsächlich ein aktiver Revolutionär war und sein Engagement auch in musikästhetische Debatten einbrachte - nicht zuletzt mit Wien im Blick."

Musik mit teils
antisemitischen Tönen

Es sind solche Problemlagen, die im Band nicht kaschiert, sondern vielmehr ausführlich zur Sprache gebracht werden. Die Wichtigkeit der Musikwerke wird nicht bloß von der kompositionsgeschichtlichen Seite her betrachtet, sondern vielmehr im Zusammenhang mit der politischen Bedeutung. "Es sind Aspekte wie der Einsatz von Symbolen, beispielsweise Fahnen und Farben oder die Begeisterung der umherziehenden Studenten, die der Musik erst ihre eigentliche Wirksamkeit und Bedeutung zuführten", resümiert Boisits. Doch auch wenn es ihr nicht um Notenanalysen geht, plant sie bereits die Herausgabe eines ergänzenden Notenbandes mit Revolutionsmusik.

Von einer "praktischen Ausgabe", die sie zunächst edieren wollte, nimmt sie inzwischen Abstand: "In Übereinstimmung mit unserem seinerzeitigen Verleger kamen wir zum Schluss, dass eine solche Ausgabe dieser nationalistischen - und mitunter auch antisemitischen - Texte unter Umständen ein Publikum ansprechen könnte, das wir damit eben gerade nicht erreichen wollen." Ein neutrales wissenschaftliches Format wird der Edition wohl in der Tat besser bekommen.




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Dokument erstellt am 2015-01-08 15:44:06



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