• vom 22.01.2016, 17:29 Uhr

Klassik/Oper

Update: 22.01.2016, 18:23 Uhr

Interview

"Dirigieren ist nur Erfahrung"




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Von Christoph Irrgeher

  • Ádám Fischer leitet derzeit den "Ring des Nibelungen" an der Wiener Staatsoper. Der gebürtige Ungar über die Unwägbarkeiten des Repertoirealltags, die Politik seines Heimatlandes und die Misere bei den Haydn-Festspielen.

Wien. Stress. Es ist Dienstagmittag, Ádám Fischer huscht durch die Staatsoperngänge. Verabschiedet seine Assistentin, begrüßt den Journalisten, eilt mit ihm zur Kantine. Verarbeitet im Gehen die Probe von vorhin: Man ist in Verzug geraten. Das Interview? Geht trotzdem. Fischer selbst holt Kaffee, auch seinem Gegenüber. Kommt zum Tisch zurück, setzt sich, entspannt. Solche Tage, sagt er nach einem Durchschnaufer, seien eigentlich "der ganz normale Theateralltag". Ein Schmunzeln: "Das Einzige, worauf man sich zu 100 Prozent verlassen kann, ist, dass es nicht so läuft wie geplant."

Augen für die Künstler: Ádám Fischer an der Wiener Staatsoper.

Augen für die Künstler: Ádám Fischer an der Wiener Staatsoper.© Wiener Staatsoper/Michael Pöhn Augen für die Künstler: Ádám Fischer an der Wiener Staatsoper.© Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Und mit dem Theateralltag kennt er sich aus, gerade an der Staatsoper. 1973 hat Fischer hier erstmals gearbeitet. Ein Jahr war der gebürtige Ungar Korrepetitor, dann stieg er zum Ersten Kapellmeister in Helsinki auf. 1980 kam er ans Wiener Haus zurück, dirigierte eine "Otello"-Premiere - und seither mehr als 300 Abende. Von Mozarts "Zauberflöte" über italienischen Belcanto bis zu wuchtigen Wagner-Werken.

Oper, ein Kind des Augenblicks

Die schultert der 66-Jährige derzeit wieder. Seit Anfang Jänner betreut er einen Durchlauf des "Ring des Nibelungen", am Sonntag folgt der vierte, finale Teil. "Die Götterdämmerung" also, Spielzeit rund vier Stunden. Zum Proben stehen im Repertoirealltag aber bloß zwei Termine zur Verfügung. Wie geht sich das aus? Fischer: "Man konzentriert sich auf die probenintensiven Stellen, den Rest bespricht man." Wünscht man sich da nicht manchmal das üppige Zeitbudget einer Premiere? Fischer: "Auch in Bayreuth läuft es mit dem ‚Ring‘ letztlich nicht anders, obwohl man dort mehr Probenzeit hat." Der Vielgereiste weiß, wovon er spricht, sprang er doch 2001 am Grünen Hügel beim "Ring" ein; das Magazin "Opernwelt" kürte ihn darauf zum Dirigenten des Jahres. Selbst 200 Proben, sagt Fischer, würden nicht reichen zur detaillierten Durcharbeitung dieser 15 Stunden Musik. "Wer nicht fähig ist, spontan auf Situationen einzugehen, kann den ‚Ring‘ nicht dirigieren."

Dabei hat Fischer an dieser Spontaneität auch Freude; an jenen Momenten, in denen eine kollektive Hingabe die Musik ins Magische abheben lässt. "In der Oper", sagt er, "gibt es viel schönere Augenblicke als im Konzert." Andererseits bergen Freiräume natürlich auch Gefahr. Ein reges Auge hilft: "Ich muss spüren, was in den Künstlern vorgeht. Sind sie nervöser, muss ich beruhigend auf sie einwirken; kennen sie das Stück nicht gut, muss ich deutlichere Signale geben." Und wenn einem Sänger die Luft auszugehen droht, zieht Fischer das Tempo an.

Die Güte eines Opernabends, so scheint es in diesem Gespräch, speist sich also vor allem aus dem flexiblen Zusammenspiel aller Kräfte. Aber hat sie nicht auch mit dem Konzept eines Dirigenten zu tun? "Natürlich wird vorab einiges fixiert, etwa wichtige Höhepunkte." Fischer teilt seine Ideen mit, überlässt die Ausgestaltung aber den Künstlern. Beispiel: Gutrunes Angst im dritten Aufzug der "Götterdämmerung". Eine Furcht, die sich etwa durch vokales Zittern mitteilen könnte. "Aber würde ich das so vorgeben, klänge die Stimme zitternd, nicht ängstlich." Worauf Fischers Kompetenz aufbaut? Allein auf der Praxis, erklärt er. "Karajan hat einmal gesagt, wer mit 60 Dirigent sein möchte, muss mit 20 anfangen. Und das stimmt. Dirigieren ist nur Erfahrung."

Ungarn: "Wie ein Alkoholiker"

Zu dieser langjährigen Erfahrung zählt auch Fischers Zeit als Generalmusikdirektor der Ungarischen Staatsoper - ein Amt, das er 2010, nach dem Amtsantritt von Ministerpräsident Viktor Orbán, niederlegte. Damals klagte er über Interventionen, heute sagt er: "Die politische Entwicklung hat sich damals schon abgezeichnet, ich wollte kein Teil davon sein." Das demokratische Ungarn sei heute, so Fischer, "wie ein Alkoholiker auf Entzug - und die Regierung derjenige, der weiterhin Alkohol verabreicht." Dieser Giftstoff sei ein Nationalismus der besonders gefährlichen Sorte, "denn er bringt auch Unruhe in die ungarischen Minderheiten in anderen Ländern, er wiegelt sie gegen die dortigen Regierungen auf." Fischer fürchtet aber auch um die EU. Regierungen wie die ungarische - und neuerdings die polnische - "benutzen die Union als Feindbild, und sie können das auch ungestraft tun, weil sie die ausländischen Wähler nicht brauchen".

Bitterer Zwist in Eisenstadt

Für Fischer umso bitterer, als er selbst tatkräftig gegen Grenzen auftrat: 1987 hat er die Österreichisch-Ungarische Haydn-Philharmonie mit Musikern aus den beiden Ländern gegründet. Vor dem Fall des Eisernen Vorhangs war das noch ein "politisches Statement", sagt er. Einen praktischen Grund hatte diese Geburt aber freilich auch: Die damals neuen Haydn-Festspiele auf Schloss Esterházy benötigten einen kompetenten Klangkörper; die Folge war eine qualitätvolle Festivaltradition im Burgenland.

Sollte kein Wunder geschehen, dürfte sie aber leider nach der heurigen Ausgabe Geschichte sein: Der Vermieter (die Esterházy-Stiftung) und die Festspiele haben sich zerstritten; das Festival soll vor die Türen des - gerade für die Haydnpflege eminent wichtigen, weil noch vom Komponisten mitgestalteten - Saales gesetzt werden. Fischers Position? "Wir sind wie die Scheidungskinder einer zerrütteten Ehe. Ich glaube nicht, dass man sagen kann, wer hier recht hat." Die Chance auf künftige Konzerte mit Fischer im Schloss, sie lebt aber immerhin noch im Kalender der Haydn-Philharmonie: "Wir würden dort weiterspielen, egal ob uns das Festival oder die Stiftung zahlt. Die Termine hätten wir alle geplant, bis 2018."



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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-01-22 17:32:07
Letzte ─nderung am 2016-01-22 18:23:46



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